Realschule

Bildungsfahrt ins Ungewisse

„Irrtümer haben ihren Wert. Jedoch nur hier und da. Nicht jeder der nach Indien fährt entdeckt Amerika.

(Erich Kästner)

Sehnen Sie sich auch manchmal nach Niedersachsen? Dass wir uns einmal – zumindest ganz kurz – wünschen würden Lehrer in Niedersachsen zu sein, hätten wir  nie für möglich gehalten. Aber Niedersachsen hat scheinbar etwas, das wir hier seit Jahren kaum mehr erkennen: Vernunft in der Bildungspolitik. Wir zitieren  den niedersächsischen Kultusminister Herrn  Stephan Weil (SPD) im SPIEGEL Interview („Druck und Stress“, SPIEGEL 6/2014 S. 15).

Befragt zu einer Schulstrukturdebatte antwortete er: „Für die Eltern und Schüler soll es ein gutes Schulangebot ihrer Wahl geben….Ich lehne es ab, eine Schulform künstlich schlechter zu behandeln, um die andere zu fördern.“ In Niedersachsen gibt  es neben Gymnasien und Gesamtschulen selbstverständlich auch Realschulen, denn es soll ja, wie wir nun wissen, ein gutes Schulangebot nach Wahl der Eltern und Schüler geben. In unserem Musterländle hat die Landesregierung mit der „künstlichen schlechter Behandlung“ von erfolgreichen Schulformen wie den Realschulen deutlich weniger Probleme.

Wie kommen wir zu dieser Behauptung?

In Baden-Württemberg haben wir ein Ungleichgewicht in der Ressourcenzuteilung der unterschiedlichen Schularten. Dabei ist die Realschule stark benachteiligt. Die Realität an Realschulen ist wie folgt:

–       Geringste finanzielle Zuweisung

–       Geringste Stundenzuweisung für individuelles Lernen

–       Bildungsplan 2015:

  • Wegfall der RS Profile wie Soziales Engagement, WVR und Technisches Arbeiten
  • Kürzung des Faches Deutsch um 2 Stunden
  • Rückkehr zu einstündigen Fächern

Vielleicht sind hier in Baden-Württemberg die Lösungen einfacher. Wenn z.B. nach Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung derzeit jeder 10te Schüler auf einer Realschule nicht mehr weiß, wo vorn und hinten ist  (bei Ansicht der Hefte mancher  Fünftklässler weiß es auch die Lehrkraft nicht) ist die Lösung  a la Kultusministerium ganz einfach: Die Realschule wird Gemeinschaftsschule, denn da gibt es keine Noten mehr, kein Sitzenbleiben. Da gibt es bessere Bedingungen, mehr Stunden, mehr Fördermöglichkeiten, mehr Individualität, mehr Alles. Der erfolgreichen Schulkarriere steht also nichts mehr im Weg. Tja, so einfach ist das. Und wenn es schiefgeht, kümmern sich halt die Ausbildungsbetriebe um Bildungsdefizite. Das kostet das Land Null Euro.

Hier bei uns in Baden-Württemberg ist ständig die Rede von der guten Bildung, maßgeschneidert und chancengleich, natürlich gerecht und individuell. Dagegen ist ja auch gar nichts einzuwenden, im Gegenteil. Allerdings muss man vernünftig über den Weg zu diesen Zielen diskutieren dürfen und Sachargumente sind dabei durchaus hilfreich.

Selbsternannte oder von Ihrer Partei ernannte BildungsexpertInnen träumen von einem romantisierten Bildungsideal, dem leider der Alltag und die Realität der Kinder und Jugendlichen in der heutigen Zeit entgegenstehen. Es ist nun mal nicht nur die Schule, die für den Bildungserfolg verantwortlich ist, was uns Lehrer jedoch nicht aus der Verantwortung entlässt.

Aber sind wir einmal ehrlich: Sind die Forderungen nach Lernen statt Lehren, nach mehr Selbstverantwortung der Kinder im Unterricht wirklich neu? Natürlich nicht. Wir alle haben im Studium, Anwärterschaft und im Berufsleben bereits sehr viele Erfahrungen zu diesen Thesen gesammelt. Deshalb wissen wir, dass dies zwar im täglichen Unterricht seinen Stellenwert hat, aber nicht eine ganze Schulreform trägt.

Man würde jetzt gerne genervt abwinken, aber das können wir alle noch nicht, solange diese Bildungsideale bar jeder Wissenschaftlichkeit die Grundlage für die projektierten Erfolge der Schulreform ist. Wie sagte Peter Fratton, der in seinem Heimatland Schweiz auf der ganzen Linie gescheiterte Bildungsberater der SPD bei einer Anhörung im Landtag?  „Ich habe keine Ahnung, was dabei herauskommt, aber schön falsch ist auch schön“ auf Fragen nach der Beweisbarkeit seiner Thesen zur Gemeinschaftsschule. Solch einem „Experten“ überlässt man also die Umgestaltung eines einst effektiven und erfolgreichen Bildungssystems.

Man darf aber nicht außer Acht lassen, dass natürlich die eigentlichen Pädagogen, wir Lehrkräfte an den Schulen, dann doch noch zum Zug kommen. Und zwar als oftmals der Verzweiflung nahen Gruppe derer, die diese theoretischen Entwürfe und Gedankenspiele umsetzen müssen. Gerne auch in der Freizeit. Nicht alle Lehrkräfte an Gemeinschaftsschulen freuen sich über das hohe Maß an Mehrarbeit. Ihre Schulleiter schwärmen häufig von dem zusätzlichen Engagement ihrer Lehrkräfte. Geradezu euphorisch scheint die Stimmung. Wie nachhaltig ist jedoch dieser Kraftakt? Werden hier nicht mehrheitlich Kolleginnen und Kollegen verheizt? Diese Fragen müssen erlaubt sein.

Dr. Matthias Burchardt (Uni Köln, Institut Bildungsphilosophie) nennt die Frattons Thesen „eine krude Mischung aus Anti-Pädagogik und Konstruktivismus, was da für ein sozialpsychologisches Großexperiment diene.“ (Stuttgarter Zeitung 05.07.13). In ganz Deutschland, in Medien wie Zeit, FAZ und Spiegel fragt man sich, was hier eigentlich los ist.

Realschulen sind in Baden-Württemberg immer noch fest verankert. Realschulen sind die Schulen des gesellschaftlichen Aufstiegs und der sozialen Mitte. 52 % der Hochschulzugangsberechtigungen werden über den zweiten Bildungsweg erlangt. Didaktische Konzepte und Methoden des individuellen Lernens sind an Realschulen schon lange fester Bestandteil des Unterrichts. Realschulen haben bewiesen, dass sie hervorragende Ergebnisse liefern. Auch die Bevölkerung Baden-Württembergs stimmt uns hier zu. Eine dimap-Umfrage im Auftrag der CDU Fraktion vom  Oktober 2013 hat dies deutlich gemacht (vgl. Artikel „Umfrage bestätigt hohes Ansehen der Realschule“).

Es ist dem Realschulreferat des VBE völlig unbegreiflich, wie eine Landesregierung sich diesen Wünschen und Ansichten der Bevölkerung verschließen kann.

Realschulen haben die heterogenste Schülerschaft und die größten schulpolitischen Herausforderungen zu stemmen. Aus diesem Grund fordert das VBE Realschulreferat erneut:

Ergebnisoffene Schulentwicklung statt Schulabwicklung!

Gleiche Rahmenbedingungen (Sachmittel, Stundenzuweisung,…) für alle Schularten!

Mehr Lehrerstellen für individuelle Lernzeiten an Realschulen!

Erhalt des Realschulprofils im neuen Bildungsplan!

Erhalt der Qualität der Mittleren Reife!

Rückkehr der pädagogischen Vernunft in die Schulpolitik!

Ein Anliegen ist dem Realschulreferat des VBE Baden-Württembergs bei allen kontroversen Diskussionsbeiträgen jedoch am wichtigsten: In erster Linie geht es immer noch um Kinder, Menschen, die wertvoll sind und besonderen Schutz in allen Belangen benötigen. Wir geben zu bedenken, dass alles, was der Schulart verwehrt wird, letztendlich den Schülerinnen und Schülern verwehrt wird. Und es gibt nun einmal knapp 250.000 Realschülerinnen und Realschüler in unserem Land, die die Realschule als ihre Schule gewählt haben.

Andrea Friedrich,  Alexander Oberst (Referat Realschulen Baden-Württemberg)

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