Ein ganz normaler Dienstag beginnt. Für mich wie immer mit einer guten Tasse Tee und der Zeitung. Auf der Titelseite ein großer Artikel mit den Ergebnissen einer Bildungsstudie. Die sind inzwischen so zahlreich, dass selbst ich mir kaum noch merken kann, wer oder was jetzt wieder einmal etwas herausgefunden hat. In Anlehnung an das Zitat der Ministerin wurde die Sau wieder einmal gewogen, um festzustellen, ob sie fetter geworden ist. Wirklich Lust auf die Lektüre des vermeintlich immer wieder Gleichen verspüre ich allerdings so gegen 6 am Morgen kaum.
Die Überschrift macht mich dann doch neugierig, da sie dem Schulsystem in BW bescheinigt, aufgeholt zu haben. „Na also! Geht doch“, murmele ich so vor mich hin, was meine Frau leicht irritiert. „Was geht doch?“, erwidert sie. Ich zeige auf den Artikel. Sie nickt und zeigt auf die Spalte neben dem Artikel: „Dann lies mal den Kommentar. Das tut deinem Blutdruck sicher gut.“
Wie immer nehme ich den Rat meiner Frau natürlich an. Sie hat recht, denn was die Autorin dort schreibt, lässt diesen schneller steigen als ein doppelter Espresso. Die Autorin, offensichtlich eher keine Bildungsexpertin (zumindest verfügt sie offenkundig über keinerlei alltägliche Praxiserfahrung), ist schnell beim „Ja, aber…“ und den „Bildungsverlierern“, aber vor allem gefangen in angelesenen oder tradierten Stereotypen. Migranten sind immer die Bildungsverlierer, und nur wohlsituierte Akademikerkinder sind immer erfolgreich. Recht hat sie aber, dass das Thema der sogenannten Bildungsgerechtigkeit und der Bildungsverlierer wichtig ist und die Schere immer weiter auseinander geht. Jedes Kind, das wir auf dem Weg verlieren, ist meiner Meinung nach eines zu viel! Was strampeln wir uns jedes Jahr ab, dass uns ja keiner durch die Maschen huscht. Wie viele Gespräche, ob mit Schülern, Eltern, Jugendamt, Berufsberatung, führen wir. Wie viele „Runde Tische“ halten wir ab, um den richtigen Weg für die Jugendlichen zu finden. Wie sind wir bemüht, zu differenzieren und trotz mangelnder schulischer Ressourcen auch noch Stütz- und Förderangebote anzubieten. Zum Glück ist es dann aber doch wirklich eher selten, dass wir keine zufriedenstellende Lösung finden oder gar jemanden ohne Abschluss von der Schule gehen lassen. Ehrlich gesagt, kenne ich keine Schule, die sich nicht so oder so ähnlich um ihre Kids kümmert.
Für die Autorin ist aber klar, dass die Schulen sich mehr Mühe geben müssen, aber vor allem, dass die Bildungsverlierer hauptsächlich da produziert werden, wo kinderreiche Migranten sind. Denn die Kids hätten nicht ausreichend Raum für sich und vor allem keine Zeit für die Schule, da sie sich um Geschwister kümmern müssen oder für die Eltern bei Behördenbesuchen übersetzen sollen. Spontan fällt mir das Zitat von Dieter Nuhr ein, der einmal von der gewissen Unwucht in Aussagen sprach und diese mit Pampelmusen verglich. Diese seien zwar Früchte, aber nicht alle Früchte seien Pampelmusen. Mit anderen Worten, man sollte also sehr genau abwägen, welche Aussagen man trifft. Recht hat er damit schon, und außerdem gefällt es mir besser als das Ding mit den Äpfeln und Birnen.
Ich für meinen Teil kenne solche Kinder und solche Familien durchaus auch. Aber wenn ich mich so an die letzten Jahre erinnere, waren bei den sogenannten Bildungsverlierern durchaus auch irgendwelche Müllers, Meiers oder Schmidts dabei. Für diese Gruppe greift der Erklärungsansatz nicht, und ich kenne durchaus auch etliche kinderreiche Migrantenfamilien, auf die dies absolut nicht zutrifft. Spontan fällt mir da eine irakisch-kurdische Familie mit fünf Kindern aus unserer Nachbarschaft ein, um die wir uns bis zu ihrem Wegzug in eine deutlich größere Wohnung gekümmert haben. Obwohl die Voraussetzungen alles andere als modellhaft für die Kinder waren (kleine Wohnung, mangelnde Sprachkenntnisse, Migrationshintergrund, Flucht, einkommensschwach), haben sie ihren Weg gemacht und sind auch schulisch durchaus erfolgreich. Warum ist das also dann doch etwas differenzierter zu sehen, oder was macht solche Menschen dann trotzdem erfolgreich? Die Antwort ist relativ simpel: Die Eltern! Und damit meine ich nicht die sozioökonomischen Voraussetzungen. Eigentlich hätten nach den Hypothesen der Dame weder meine Frau noch ich je ein Abitur machen dürfen, geschweige denn studieren können. In keinem unserer Elternhäuser gab es zuvor ein Abitur (mit der Ausnahme meines älteren Bruders), und aus besonders wohlhabenden Verhältnissen entstammen wir auch nicht. Was unsere Elternhäuser aber geeint hat, ist die Tatsache, dass dort Bildung einen sehr hohen Stellenwert hatte und als Chance begriffen wurde. Man hat sich nicht nur für Schule und den eigenen Nachwuchs interessiert, sondern diesen auch im Rahmen der Möglichkeiten unterstützt – und sei es nur durch Vokabeln abhören (obwohl meine Mutter z. B. nie eine Fremdsprache gelernt hatte) oder durch ein „zeig mal deine Hausaufgaben“. Vor allem aber hat man die Schule in Ruhe ihren Job machen lassen und darauf vertraut, dass die Lehrkräfte ihren Job gut machen. Weder meinen Eltern noch den Eltern meiner Frau wäre es eingefallen, die Lehrkräfte ständig zu belagern und ihnen zu erklären, was nicht richtig läuft und wie der eigene Sprössling doch noch besser unterstützt werden könnte. Wenn bei mir mal etwas nicht so wie geplant lief, dann war nicht automatisch der Lehrer schuld, sondern da wurde durchaus auch mal der eigene Nachwuchs und dessen Bemühungen oder Verhalten vordringlich kritisch hinterfragt. Obwohl die Eltern meiner Frau und auch meine Eltern beide berufstätig waren und Ganztagesschulen schlicht nicht existent, waren wir beide mehr oder minder erfolgreich. Bei unserer benachbarten Migrantenfamilie war das genauso. Obwohl die Eltern immer noch recht wenig Deutsch sprechen, war klar, dass kein Elternabend in der Schule oder dem Kindergarten versäumt wurde. Man erschien selbstverständlich zu jedem Lernentwicklungsgespräch aller fünf Kinder, und Zeitfenster für die Hausaufgaben und das Richten des Schulranzens oder der Kindergartentasche fanden sich auch immer.
Es mag ja auch gut sein, wenn man Eltern ganz viel Entscheidungskompetenz gibt. Allerdings gehört dazu auch, dass man dieses hohe Maß an Verantwortung ausfüllen kann und genau da habe ich gerade bei so manchen Elternhäusern heftige Zweifel. Pampelmusen sind trotzdem Früchte, wie Äpfel und Birnen auch, aber Äpfel und Birnen sind immer noch keine Pampelmusen. Stereotypen sind zwar existent, aber Stereotypen sind nur ein Teil der Wahrheit.

Dirk Lederle, Schulleiter Johanniterschule Heitersheim, Stellvertretender VBE-Landesvorsitzer
