Forderungen des VBE an die neue Landesregierung

Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass die Normalität nach Corona, die gleiche ist wie vor Corona. Wir möchten die Landesregierung bitten, mit uns ins Gespräch zu gehen, um den Übergang zu gestalten. Die Corona-Pandemie hat die Schwachstellen unserer Schulen offengelegt. Wir benötigen langfristige Konzepte, die wir jetzt starten und in der Zeit nach Corona systemisch weiterführen können. Das betrifft aus unserer Sicht die Bereiche: Digitalisierung, Entlastungen, Förderstunden, Erhalt und Stärkung eines ausdifferenzierten Schulsystems mit allen Schularten, Wertschätzung und auch Arbeit- und Gesundheitsschutz.

Land muss jetzt die Weichen für den Übergang und die Zeit nach Corona stellen! 

Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass die Normalität nach Corona, die gleiche ist wie vor Corona. Wir möchten die Landesregierung bitten, mit uns ins Gespräch zu gehen, um den Übergang zu gestalten. Die Corona-Pandemie hat die Schwachstellen unserer Schulen offengelegt. Wir benötigen langfristige Konzepte, die wir jetzt starten und in der Zeit nach Corona systemisch weiterführen können. 

Digitalisierung in Schulen

Die Pandemie hat wie ein Brennglas dafür gesorgt, dass die Schwachstellen der Digitalisierung in Schulen offenbart wurden und der Ausbau der Digitalisierung mit großer Kraft vorangetrieben wurde. Es ist unabdingbar, dass die Verstetigung über das Ende der aktuellen Förderprogramme hinaus geht. Schulen haben bereits sehr viel Zeit damit verbracht, ihre Hard- und Softwareausstattung zu planen und umzusetzen, auch die Bereitschaft der kontinuierlichen Anpassung und Fortbildung ist gegeben. Daher brauchen Schulen nun endlich Planungssicherheit, damit die hohen Standards, die zur Zeit gesetzt werden, auch über Jahre gefestigt werden können. Hier braucht es neben schnellen Datenleitungen an und in Schulen schulartspezifische Grundausstattungen, die im Rhythmus von drei Jahren überprüft und bei Bedarf angepasst werden. Kreismedienzentren als verlässlicher Partner für Schulen müssen mit deutlich mehr Personal ausgestattet werden. Die freie Auswahl an Lernmanagementsystemen und Arbeitsprogrammen muss erhalten bleiben. Passende Fortbildungsangebote müssen weiterhin ausgebaut und angepasst werden.

Entlastung der Schulleitungen! 

Die Schulleiterinnen und Schuleiter arbeiten seit über einem Jahr nahezu ohne Erholungspausen an den Wochenenden oder in den Schulferien. Nicht nur dies zeigt deutlich, dass Schulleitungen aller Schularten jenseits der Belastungsgrenze agieren. Die erste und die zweite Stufe des Konzepts zur Stärkung der Schulleitungen müssen umgehend umgesetzt werden. Mit Blick auf die wachsenden Aufgaben von Schulleitungen muss im Bereich Leitungszeit nochmals deutlich nachgebessert werden. 

Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer!

Fernlernunterricht, Präsenzunterricht, Wechselunterricht, Notfalllerngruppen, Notbetreuung, Lernbrücken, Entwicklung digitaler Unterrichtskonzepte, Umsetzung der aufwendigen Hygienemaßnahmen – die aufgrund des Personalmangels ohnehin bereits hochbelasteten Lehrkräfte arbeiten seit Beginn der Pandemie am Anschlag. Der VBE fordert die zumindest temporäre Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung um mindestens zwei Stunden. 

Förderstunden, um Lernlücken langfristig zu schließen!

Um die in der Pandemie entstandenen Lernlücken nachhaltig zu schließen, bedarf es eines kontinuierlichen, individuellen und zielgerichteten Ansatzes. Der VBE plädiert dafür, den Schulen zusätzliche Förderstunden zur Verfügung zu stellen – sowohl den SBBZ, Sekundarschulen als auch den Grundschulen, die bisher bei der Zuteilung von Förderstunden übergangen wurden. Wir fordern, diese Stunden in der Stundentafel festzuschreiben. Die Schulen kennen den Förderbedarf vor Ort am besten und sollten frei entscheiden können, wie sie die zusätzlichen Förderstunden einsetzen.

Erhalt und Stärkung eines ausdifferenzierten Schulsystems!

Schülerinnen und Schüler benötigen passgenaue Bildungsinhalte und eine individuell ausgestaltete Lernumgebung. Der Erhalt der SBBZ und des Studiengangs Sonderpädagogik ist zwingend notwendigsie müssen mit den erforderlichen Ressourcen ausgestattet sein. Der VBE bekennt sich klar zum Erhalt und zur Stärkung aller Schularten der Sekundarstufe. Wir stellen uns ausdrücklich gegen weitere Schulstrukturdebatten. Die Schulen unseres Bildungssystems brauchen Ruhe und Sicherheit, damit notwendige Schulentwicklungs- und Qualitätsentwicklungsprozesse auch fortgeführt und weiterentwickelt werden können. 

Haupt- und Werkrealschulen erhalten und stärken!

Die Lehrerinnen und Lehrer an diesen Schularten leisten seit Jahrzehnten hervorragende Arbeit mit einer zunehmend schwierigeren Schülerschaft. Die Absolventinnen und Absolventen dieser Schularten sind in Industrie, Handel, Handwerk und Gewerbe geschätzt. Vor allem im Handwerk bergen sie die große Chance, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Bestandslehrkräfte in A 12 an diesen Schularten brauchen dringend eine niederschwellige Aufstiegsmöglichkeit nach A 13. Sie dürfen nicht weiter hinter den Lehrkräften anderer Sekundarschularten zurückstehen. Wie die anderen Sekundarschulen müssen auch die Haupt- und Werkrealschulen einen deutlich erhöhten Pool an Differenzierungsstunden erhalten. Die Anzahl an Deutsch-, Mathe- und Englisch- Stunden ist durch den Bildungsplan gesunken. Doch gerade für die Basiskompetenzen benötigen die Schulen mehr Zeit um das Lesen, Schreiben und Rechnen zu fördern! 

Realschule wieder zu einer Realschule machen!

Der VBE bekennt sich ausdrücklich dazu, die Realschule als leistungsorientierte Schulart zu stärken. Sie stellt ihre herausragende Leistungsfähigkeit und Akzeptanz in der Gesellschaft seit über 40 Jahren unter Beweis. Die grundlegende Ausrichtung des Unterrichts an den Realschulen ist das M-Niveau. Um alle Kinder früher passgenau fördern zu können, ist die Orientierungsstufe um ein Jahr zu kürzen. Wenn vor Ort gewünscht oder notwendig, sind ab der sechsten Klasse grundständige Bildungsgänge für eine äußere Differenzierung zwischen den Niveaustufen einzurichten. Der Hauptschulabschluss sollte an den Realschulen des Landes in der Regel nicht angeboten werden. Das Ziel der Realschule ist der Realschulabschluss und der Unterricht im M-Niveau. Verbundschulen aus Realschule und Werkrealschule soll die Möglichkeit eingeräumt werden, das G-Niveau im Bereich der Werkrealschule abzubilden.

Gemeinschaftsschulen brauchen mehr Unterstützung!

Die Gemeinschaftsschule hat sich innerhalb weniger Jahre zu einer festen Säule im baden-württembergischen Bildungssystem entwickelt und leistet einen wichtigen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit. Um die Leistungsfähigkeit der Gemeinschaftsschulen zu gewährleisten und den zunehmenden schulischen und gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht werden zu können, fordert der VBE wirkungsvolle Maßnahmen. Die Gemeinschaftsschule ist eine verbindliche Ganztagsschule. Für die Organisation eines qualitativ ansprechenden Ganztagesangebotes mit pädagogischer Zielsetzung müssen mehr sächliche und zeitliche Ressourcen, zum Beispiel Lehrerarbeitsplätze oder Leitungszeit, geschaffen werden. Coaching-Gespräche sind ein wesentliches Merkmal der Gemeinschaftsschule und im Direktbereich zuzuweisen. Jede Lerngruppe benötigt zudem eine verbindliche Klassenlehrerstunde, diese ist ebenso im Direktbereich anzusiedeln. Um der Individualisierung, insbesondere in Klasse 8, 9 und 10, voll umfänglich gerecht zu werden, bedarf es pro Klasse und Niveaustufe mindestens eine Lehrperson in den Kernfächern sowie eine deutliche Erhöhung des Stundenpools.

Grundschule stärken!

Die Grundschule hat einen bedeutenden gesellschaftlichen Auftrag. Sie schafft die Grundlage für kreatives, lebenslanges Lernen und legt wichtige Basiskompetenzen, auf die alle weiterführenden Schulen aufbauen. Die Grundschule hat das heterogenste Schülerklientel. Von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf bis hin zu hochbegabten Kindern leisten Grundschullehrkräfte Bildungs- und Erziehungsarbeit. Die Bildungsarbeit gerade in den „kleinen“ Fächern zu leisten ist für die Grundschulen, bedingt durch das Studium von nur noch zwei Fächern schwieriger geworden. Der VBE fordert die Einführung eines Studiums für Primarschullehrkräfte in drei Fächern. Das Drei-Fach-Studium wird maßgeblich dazu beitragen, auch die „kleinen“ Fächer mit der nötigen Fachexpertise unterrichten zu können und somit die Qualität in den Grundschulen zu steigern. Um dies abbilden zu können, ist eine Ausdehnung des Studiums im Primarschullehramt auf zehn Semester dringend nötig. Ein achtsemestriges Studium hat sich überholt und ist nicht mehr zeitgemäß. Vor diesem Hintergrund hat eine Eingruppierung der Primarschullehrkräfte in A 13 zu erfolgen. Diese Maßnahme ist dazu geeignet den eklatanten Personalmangel an Grundschulen zu kompensieren. 

Die Klassengröße soll in der Grundschule auf 22 Schülerinnen und Schüler beschränkt werden. Eine adäquate, individuelle Förderung ist nur so umsetzbar. 

Bei inklusiver Beschulung müssen die notwendigen räumlichen und sächlichen Voraussetzungen geschaffen und multiprofessionelle Teams eingesetzt werden. Wenn nötig, muss ein durchgängiges Lehrertandem bestehend aus einer Lehrkraft der Grundschule und SBBZ eingesetzt werden.

Die Grundschulempfehlung (GSE) braucht mehr Gewicht! 

Seit dem Wegfall der verbindlichen GSE finden sich immer mehr Schülerinnen und Schüler an Schularten, die nicht ihrem Leistungsniveau entsprechen. Daraus resultieren häufig Überforderungen bei Schülerinnen und Schülern und den Lehrkräften. Der VBE fordert: Zentrale Klassenarbeiten in Klasse 4! Sie geben eine zusätzliche Rückmeldung über das fachliche Leistungsniveau. Das Ergebnis fließt als Note in die Halbjahresinformation ein und soll auf dem Formular für die weiterführenden Schulen ausgewiesen werden. Wenn Elternwille und GSE nicht übereinstimmen ist ein verbindliches Beratungsverfahren zu absolvieren. Es muss eine verbindliche Vorlage der GSE und der Halbjahresinformation an der weiterführenden Schule erfolgen.

SBBZ und Inklusion

Der VBE bekennt sich zu der am Kindeswohl orientierten Inklusion. Die UN-Konvention fordert nicht die inklusive Beschulung um jeden Preis, sondern hat als Ziel die bestmögliche Aktivität und Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben. Die UN-Konvention hält Alternativen für notwendig, wenn hierdurch das Ziel der Teilhabe besser erreichbar ist. Die Beschulung am Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) ist ein besonderes Angebot zum Wohle beeinträchtigter und behinderter Kinder. Sie stellt eine Chance für diese Kinder dar! Das Angebot ist deshalb unverzichtbar. Schüler benötigen passgenaue Bildungsinhalte und eine individuell ausgestaltete Lernumgebung. Der VBE fordert, die hierfür notwendigen Ressourcen und Rahmenbedingungen bereit zu stellen. Für eine bestmögliche Förderung und Teilhabe muss der Oberbegriff Inklusion – und damit seine schulische Umsetzung – für jede Art und Schwere der Behinderung definiert und die Rahmenbedingungen entsprechend angepasst werden.

Lehramtsstudiengänge 

Pädagogische Hochschulen und Universitäten müssen dringend mit mehr Personal versorgt werden, damit die hohen Standards der Ausbildung in Baden-Württemberg gehalten und regelmäßig geprüft und angepasst werden können. Die Digitalisierung muss inhaltlich in der Lehre der Hochschulen einen eigenen Stellenwert einnehmen. Der VBE sieht es als unabdingbar an, dass fachdidaktische Aspekte den Bereich der Digitalisierung beinhalten müssen. Hier müssen Schnittstellen zwischen Hochschulen, Seminaren und Schulen geschaffen und gepflegt werden. Hierfür bedarf es selbstverständlich Personalfreistellungen auf allen Seiten. Themen wie Inklusion und Diagnostik sind selbstverständliche Inhalte in der Lehre. 

Mehr Wertschätzung für die Arbeit von Pädagogischen Fachkräften!

Erzieherinnen und Erzieher in Kindertageseinrichtungen sorgen für eine qualitativ hochwertige Betreuung und frühkindliche Bildung von Kindern. Der VBE fordert die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Erzieherinnen und Erzieher. Hierzu zählt die Verbesserung der Personalausstattung in den Kitas sowie der Rahmenbedingungen für die pädagogische Arbeit. 

Die landesrechtlichen Vorgaben zu Personalschlüssel, Gruppengröße und Raumkonzept müssen verbindlich und verbessert werden. Andernfalls werden Erzieherinnen und Erzieher auf Kosten ihrer Gesundheit überlastet und die Betreuungs- und Bildungsqualität der Kinder leidet. Zudem brauchen alle Kitas eine verlässliche Krankheitsvertretung auf die im Bedarfsfall zurückgegriffen werden kann. 

Leitungskräfte sind Schlüsselfaktoren für die Qualität in den Kitas. Es müssen landesweit verbindliche Standards zur Leitung von Kitas eingeführt werden. Es sind Fortbildungen anzubieten, die die Leitungen für ihren neuen Aufgabenbereich qualifizieren. Die Leitungsfreistellung muss verbindlich in den Mindestpersonalschlüssel eingerechnet werden. 

Der VBE fordert einen umfassenden Arbeits- und Gesundheitsschutz für die Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertageseinrichtungen. Die Corona Pandemie hat gezeigt, wie wichtig ein gut funktionierender Arbeits- und Gesundheitsschutz für die Mitarbeitenden ist. 

Der Mangel an Fachkräften in Kindertageseinrichtungen hat in den letzten Jahren in einem Maß zugenommen, dass oft gesetzliche Vorgaben wie zum Beispiel der Mindestpersonalschlüssel nicht mehr eingehalten werden können. Daher fordert der VBE den Fachkräftemangel wirksam zu bekämpfen. Der Einsatz multiprofessioneller Teams ist dringend erforderlich. 

Arbeits- und Gesundheitsschutz

Bereits vor der Pandemie haben Schulen und Kindertagesstätten mit der Prüfung von Masernschutzimpfungen die Arbeit von Gesundheitsdiensten beziehungsweise Gesundheitsämtern übernommen. Während der Pandemie hat dies überproportional zugenommen. Gesundheitsämter und Sozialministerium haben Aufgabenpakete an Kultus- und Schulverwaltung übertragen, ohne dass diese Abteilungen hierfür im Voraus qualifiziert oder vollständig arbeitsfähig gewesen wären. Noch immer wird Schulleitungen und Kitaleitungen die Aufgabe übertragen, sich um Dinge aus dem Bereich Arbeits- und Gesundheitsschutz und Pandemiebekämpfung zu kümmern. Hier fordern wir klare Aufgabenabgrenzungen zu Inhalten, die dem Sozialministerium und dessen unterstehenden Behörden, wie Gesundheitsämtern, zuzuordnen sind. Weiterhin braucht es eine ständige Arbeitsgruppe aus Mitgliedern des Landesgesundheitsamtes, des     Kultusministeriums  und des Sozialministeriums, des B.A.D. und der UKBW, der Personalvertretungen und erfahrenen Schulleitungen und Kitaleitungen, um schulspezifische Themen klaren Strukturen und Zuständigkeiten zuzuordnen. Die Erfahrungen der letzten Monaten können auf andere Bereiche übertragen werden.