Erweiterte Realschule – ein Schulkonzept für Baden-Württemberg

Folgender Artikel wurde im November 2008 im VBE Magazin veröffentlicht und im Oktober 2010 bei der VBE-Vertreterversammlung beschlossen:

Oberst Alexander

Alexander Oberst, VBE Referat Realschule

Bei der nächsten Landtagswahl in Baden-Württemberg wird Bildungspolitik ein Wahlkampfschwerpunkt sein. Das ist soweit nichts Neues. Neu wird jedoch sein, dass der Fokus der Wählerinnen und Wähler im Jahr 2010 nicht nur auf mangelnde Unterrichtsversorgung, fehlende Ganztagsangebote und ähnliche schulpolitische Dauerbrenner liegen wird, sondern dass das in Baden-Württemberg tief verwurzelte dreigliedrige Schulsystem heftiger infrage gestellt werden wird als in den Jahren zuvor. Auch der VBE positioniert sich, entwickelt Konzeptionen und untermauerte diese bereits mit entsprechende Beschlüssen.

Dieser Prozess ist kein leichtes Unterfangen, schließlich vertritt der VBE die unterschiedlichen Interessen der Beschäftigten aller Schularten. Während man sich bei Fragen der Lehrerarbeitszeit, der Besoldung und Altersteilzeit recht schnell einig ist und bequem solidarisch werden kann, klaffen die Interessen bei der Frage nach dem passenden Schulsystem schon weiter auseinander. Hierbei dominiert bei den Kolleginnen und Kollegen meist die Furcht, mit einer anderen („fremden“) Schulart zusammenarbeiten zu müssen. Und dabei sind die Schülerinnen, Schüler und Eltern der eigenen Schulart doch schon schwierig genug, hört man so manch einen sagen und jetzt soll diese Spannbreite noch erweitert werden? Wir meinen: Ja, wenn alle Schülerinnen und Schüler gleich welcher Begabung davon profitieren. Aus diesem Grund stellt das Realschulreferat des VBE Baden-Württemberg das Denkmodell der „Erweiterten Realschule“ vor.

Die Ausgangslage – Hauptschulen sind allein gelassen

Die Probleme des 3-gliedrigen Schulsystems manifestieren sich weniger in den Ergebnissen von Pisa und anderen Leistungstests als viel mehr in dem Niedergang der Hauptschule. Am deutlichsten erkennbar ist dieser Niedergang an dem dramatischen Rückgang der Schülerzahlen. Dieser Niedergang ist begründet durch gesellschaftliche und schulische Entwicklungen. Aufgrund geringer familiärer Betreuungszeiten, zunehmenden Medienkonsum und einer veränderten Umwelt erhöht sich der Anteil der kranken, bewegungseingeschränkten und lernunmotivierten Kinder und Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten. Diese Entwicklungen müssen in besonderem Maße die Hauptschulen schultern, weil die Gymnasien und Realschulen vor allem jene Schülerinnen und Schüler an die Hauptschule abgeben, welche durch geringe Lernmotivation und mangelndes Sozialverhalten aufgefallen sind. In den Hauptschulklassen treffen deshalb kognitiv begabte, körperlich reife aber im Sozialverhalten und in ihrer Persönlichkeitsstruktur auffällige Kinder und Jugendliche oft auf spät entwickelte Schülerinnen und Schüler, welche in ihrer momentanen Entwicklungsphase dem Anspruch der Hauptschule entsprechen. Diese Mischung erschwert sinnvolle pädagogische Förderung und begründet letztlich den Ruf der Hauptschule als „Restschule“. Mit dem Schlagwort der Integration landen immer mehr Kinder mit speziellem Förderbedarf in der Hauptschule. Diese „hausgemachte“ Tendenz bewirkt ein noch höheres Konfliktpotenial, welches die Hauptschule bewältigen muss.

Während die bekannten Probleme des Gymnasiums und der Realschule durch schulartspezifische Verbesserungsmaßnahmen lösbar erscheinen, bedarf es in Sachen Hauptschule eher eines praktikablen,  systemischen Umdenkens, um die Schülerinnen und Schüler dieser Schulart in Zukunft adäquat zu fördern.

Der Lösungsvorschlag – eine erweiterte Realschule

Nach der vierten Klasse erhalten besonders begabte Schülerinnen und Schüler eine Bildungsempfehlung für das G8. Alle anderen besuchen nach ihrer Grundschulzeit die Erweiterte Realschule. Die Erweiterte Realschule hat zum Ziel eine gemeinsame Regelschule zu werden für alle Schülerinnen und Schüler,  die nicht das G 8 besuchen können oder wollen. Sie führt zu drei Bildungsabschlüssen: der Fachhochschulreife (wir nennen ihn einmal der Einfachheit halber Abschluss 3), der Mittleren Reife (Abschluss 2) und dem Hauptschulabschluss (Abschluss 1). Dabei werden vorhandene Strukturen der Realschule beibehalten und um Hauptschulklassen ab Jahrgangsstufe 7 erweitert (Horizontale Erweiterung). Zudem wird durch eine schulinterne Aufbaustufe die Realschule auch vertikal erweitert und so der Qualitätsanspruch der Realschule vor Ort gestärkt.

..der Aufbau

Aufbauend auf einer 4-jährigen Grundschule besteht die Erweiterte Realschule aus einer gemeinsamen, integrativen Orientierungsstufe (Klasse 5 + 6) für Schülerinnen und Schüler ohne Bildungsempfehlung für das G8, einer teilintegrativen Mittelstufe (Klasse 7 + 8) mit Realschulklassen bis Klassenstufe 10 und Hauptschulklassen bis Klassenstufe 9. Wie bisher erwerben die Schülerinnen und Schüler nach dieser Zeit die Mittlere Reife (Abschluss 2) bzw. den Hauptschulabschluss (Abschluss 1). Nach dem Erwerb der Mittleren Reife besteht  zusätzlich die Möglichkeit, eine zweijährige Aufbaustufe zu besuchen, die mit dem Erwerb der Fachhochschulreife (Abschluss 1) endet.

erweiterte Realschule

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

..die Modalitäten

In der Orientierungsstufe werden Haupt- und Realschüler gemeinsam unterrichtet. Durch ein zusätzliches Angebot einer zweiten Fremdsprache in Klasse 5 wird ein Wechsel auf das Gymnasium, das mit der 2. Fremdsprache in Klasse 6 beginnt, erleichtert. Ab Klasse 7 erfolgt eine Differenzierung in den Kernfächern hinsichtlich der Abschlüsse 1 und 2, ein Kurssystem mit Übergangsmöglichkeiten in Klasse 7 und 8 erleichtert es, rasch und unbürokratisch die richtige Förderung für jedes Kind vor allem im musischen und sportlichem Bereich zu finden. Für Realschülerinnen und -schüler führt die zehnte Klassenstufe zum Abschluss 2. Für Hauptschülerinnen und -schüler endet die Schulzeit weiterhin nach Klasse 9 mit dem Erwerb des Abschlusses 1.  Besonders begabte Hauptschüler können an der gleichen Schule in eine 8. Realschulklasse wechseln. Alle bisherigen Anschlussmöglichkeiten bleiben bestehen. Der besondere Reiz für Realschülerinnen und Realschüler besteht darin, dass sie an der eigenen Schule die Fachhochschulreife (Abschluss 3) erwerben können. Für die  Allgemeine Hochschulreife (Abschluss 4) sind weiterhin die Beruflichen Gymnasien zuständig.

Wer profitiert von der Erweiterten Realschule?

Die Schüler!

Die bisherigen Hauptschülerinnen und Hauptschüler mit all ihren oben erwähnten Schwierigkeiten profitieren vor allem in der Orientierungsstufe von der Erweiterten Realschule. Die Zeit des gemeinsamen Lernens wird verlängert. Die Eingewöhnung in eine neue Schule wird erleichtert und die Lernmotivation wird durch positive Beispiele leistungsstärkerer Schülerinnen und Schüler gestärkt. Für alle Schülerinnen und Schüler besteht zusätzlich die Möglichkeit nach Klasse 5  auf ein Gymnasium zu wechseln. In der Orientierungsstufe profitieren Realschülerinnen und Realschüler ebenso von Formen des offenen, stark binnendifferenzierenden Unterrichts wie die Hauptschülerinnen und Hauptschüler. Für Kinder mit der Bildungsempfehlung für Gymnasien eröffnen sich ebenso neue Möglichkeiten: den Erwerb der Fachhochschulreife (Abschluss 3) bei einer längeren Lernzeit. Die Erweiterte Realschule ist eine „echte“ Alternative zum G 8.

Die Lehrer!

Lehrkräfte an einer erweiterten Realschule müssen Fachkräfte für die Sekundarstufe I sein. Alle Bestrebungen, das Haupt- und Realschullehramt zusammenzuführen, werden begrüßt. Selbstverständlich kann die Basis hierfür nur die Besoldungsgruppe A 13 sein. Darüber hinaus werden innerhalb der Erweiterten Realschule wie bei Gymnasien eine Reihe Funktionsstellen benötigt, die die Schulleitung entlasten: Leitung der Orientierungsstufe und der Aufbaustufe, Schullaufbahnberatung, Lerndiagnostik und die Erstellung individueller Lernpläne sind Aufgaben, für die Funktionsstellen an einer Erweiterten Realschule geschaffen und entsprechend besoldet (A14) werden müssen. Diese „Aufstiegschancen“ schaffen Anreize, sich beruflich weiterzubilden und zu engagieren. Das unglaublich hohe Potential von Kolleginnen und Kollegen kann durch diese professionelle Aufgabenverteilung abgerufen und (endlich!) honoriert werden. All dies darf tarifpolitisch selbstredend nicht auf dem Rücken der Grundschullehrkräfte ausgetragen werden. Eine Entlastung erfahren die Grundschullehrkräfte insbesondere durch die Neuschaffung von nur einer Bildungsempfehlung nach Klasse 4: G8. Alle anderen besuchen die Erweiterte Realschule.

Die Eltern!

Kein Kind geht mehr auf eine „Restschule“, sondern es besucht eine Art Regelschule, in der Aufstiegschancen jederzeit an der eigenen Schule gegeben sind. Realschuleltern profitieren von dem Anspruch der Schule, die Kinder wohnortnah für die Fachhochschule qualifizieren zu wollen und eine Alternative zum achtjährigen Gymnasium darzustellen. Zudem werden durch die Erweiterte Realschule Schulgrößen geschaffen, die sehr effektiv sind. Sie sind standortnah und können darüber hinaus durch die Aufbaustufe im Haus Schulprofile anbieten, die das Augenmerk von vorneherein auf Technik, Naturwissenschaft, Sozialwesen, Hauswirtschaft etc. legen.

Das Land Baden-Württemberg!

Bildungspolitik gibt es nicht zum Nulltarif. Auch die Erweiterte Realschule benötigt genügend Ressourcen, um sich der gesellschaftlich so bedeutsamen Aufgabe angemessen zu stellen. Differenzierende Fördermaßnahmen gelingen nicht mit einem Klassenteiler über 30. Schulsozialarbeiter und ein flächendeckendes Ganztagsangebot dürfen nicht nur Lippenbekenntnisse bleiben. Vorhaben des Landes wie die Neuschaffung des Berufsbildes „Lehrkraft für die Sekundarstufe I“ passen in das Konzept der Erweiterten Realschule. Ebenso bleibt das G 8 unangetastet. Bildungspläne für die Schularten könnten dem Prinzip nach aufrecht erhalten werden, vor allem die Präambel von Hartmut von Hentig hätte Bestand. Eine Neustrukturierung des Elementarunterrichts ist nicht zwingend erforderlich und die Frage nach Leistungsanreizen ist durch die Schaffung neuer Funktionsstellen im Sek I Bereich in Angriff genommen. Die mindestens zweizügige Erweiterte Realschule schafft funktionsfähige und vernünftige Schulstandorte und führt mehr Schülerinnen und Schüler zu hochqualifizierten Schulabschlüssen (Fachhochschulreife, Abschluss 3).

VBE Baden-Württemberg, Realschulreferat