Der große Bildungsstudien-Check – Teil Eins: ifo-Bildungsbarometer

PISA, IGLU, Schulbarometer und Bildungstrend: In den letzten 20 Jahren ist eine ganze Welle von Bildungsstudien übers Land geschwappt. Die Zahl der nationalen und internationalen Meinungs-, Leistungs- und Vergleichsstudien ist heute kaum mehr überschaubar. Wer hat wen in wessen Auftrag getestet und gefragt? Und was sind nach zwei Jahrzehnten intensiver Forschung die zentralen Befunde? In unserem großen Studien-Check bringen wir Ordnung ins Chaos und stellen die elf wichtigsten Erhebungen vor.

 

Teil 1: ifo-Bildungsbarometer

Wie kommen Veränderungen im Bildungsniveau zustande und wie wirken sie sich auf die ökonomische Entwicklung aus? Zu diesen Fragen forscht das ifo Institut am ifo Zentrum für Bildungsökonomik. Basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen sollen sachorientierte Beiträge und Politikempfehlungen erarbeitet werden. In diesem Rahmen hat das Institut auch das ifo Bildungsbarometer als Teil des Projekts „Die politische Ökonomie der Bildungspolitik: Erkenntnisse aus einer Meinungsumfrage“ entwickelt. Das erstmals im Jahr 2014 veröffentlichte Bildungsbarometer basiert auf einer jährlichen Bevölkerungsumfrage mit einem breiten Spektrum an bildungspolitischen Themen und variierenden Schwerpunkten. Im Jahr 2023 wurden hierfür mehr als 5.500 Personen befragt, die eine repräsentative Stichprobe der erwachsenen Bevölkerung zwischen 18 und 69 Jahren in Deutschland darstellen.

Wer ist das ifo Institut?

Das ifo Institut (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V., abgekürzt ifo für Information und Forschung) ist eine Forschungseinrichtung mit Sitz in München. Das Institut gründete sich in den Wirren der Nachkriegszeit im Jahr 1949 – zur Gründergeneration gehörten mit Wilhelm Marquardt und Hans Langelütke auch zwei ehemalige Nationalsozialisten, die beide im Planungsamt des nationalsozialistischen Vierjahresplanes für Wirtschaftsstatistik tätig waren. Größere gesellschaftliche Bekanntheit erlangte das Institut unter der Präsidentschaft des renommierten Ökonomen Hans-Werner Sinn in den Jahren 1999 bis 2016. Heute zählt das ifo Institut zu den großen Wirtschaftsforschungsinstituten in Deutschland.

Die Finanzierung des als gemeinnützig anerkannten Vereins erfolgt überwiegend aus öffentlichen Mitteln der gemeinsamen Forschungsförderung von Bund und Ländern. Teils finanziert sich das Institut aber auch aus Erlösen von Drittmittelprojekten, die zumeist ebenfalls von öffentlichen Auftraggebern stammen („wissenschaftliche Politikberatung“). Darüber hinaus gibt es eine finanzielle Unterstützung durch die sogenannte „Freundesgesellschaft“, die nach Angaben des Instituts aus Einzelpersonen, gewerblichen Unternehmen, Wirtschaftsverbänden und Körperschaften des In- und Auslandes besteht.

Welche Ziele verfolgt das ifo Institut?

Das ifo Institut will nach eigenen Angaben die wirtschaftliche Debatte in Deutschland und Europa mitgestalten. Dafür verbinde es sozialwissenschaftliche Forschung mit wirtschaftlicher Relevanz. Man wolle dazu beitragen, Menschen zu befähigen, stärker an den Möglichkeiten einer offenen Gesellschaft teilzuhaben, im internationalen Wettbewerb zu bestehen und ihre Chancen auf mehr Wohlstand zu nutzen. Neben dem Bildungsbarometer führt das Forschungsinstitut vor allem auch Unternehmensbefragungen durch. Die daraus generierten Indizes, etwa der monatliche ifo-Geschäftsklimaindex, haben das Institut erst bekannt gemacht und sich als Service für Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit fest etabliert. Die regelmäßig erhobenen Daten fließen außerdem auch in die ifo Konjunkturprognose ein. Die verschiedenen Indizes und Prognosen sollen Entscheidern in Firmen, Verbänden, staatlichen Stellen und in der Politik helfen, die wirtschaftliche Entwicklung zuverlässig einzuschätzen und sachorientierte Entscheidungen zu treffen.

Kritikerinnen und Kritiker werfen dem ifo Institut ungenaue Prognosen sowie eine einseitig neoliberale und arbeitgeberfreundliche Agenda vor und bezweifeln, dass die politischen Ratschläge des Instituts ausschließlich auf den Ergebnissen empirischer Forschung basieren. Beispielsweise prognostizierte und warnte das ifo Institut im Jahr 2015, dass die Einführung eines Mindestlohns in Deutschland bis zu 900.000 Arbeitsplätze koste. Tatsächlich aber zeigte die dennoch erfolgte Einführung des Mindestlohns in der gesellschaftlichen Praxis keinerlei negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.

Welche Bildungsbarometer sind bisher erschienen (Auswahl)?
  • ifo Bildungsbarometer 2023: Was die Deutschen über die Qualität der Schulen denken
  • ifo Bildungsbarometer 2022: Deutsche befürworten Weiterbildung, um mit dem Strukturwandel Schritt zu halten
  • ifo Bildungsbarometer 2021: Was denken die Deutschen zur Corona-Bildungspolitik und gesellschaftlichen Kompetenzen
  • ifo Bildungsbarometer 2020: Deutsche sind für mehr Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit im Bildungssystem
  • ifo Bildungsbarometer 2019: Was denken die Deutschen über Bildungsungleichheit?
Was sind zentrale Befunde?

Im ifo Bildungsbarometer 2023 zeigt sich ein Tiefpunkt in der Bewertung der Schulen. Lediglich 28 Prozent der Deutschen geben den Schulen in ihrem Bundesland noch die Note 1 oder 2 – im Jahr 2014 waren es noch 38 Prozent. 79 Prozent sind der Meinung, dass sich die Schulbildung durch die Corona-Pandemie verschlechtert hat. Als ernsthaftes Problem des Bildungssystems sehen die meisten Deutschen den Lehrkräftemangel (77 Prozent). Auf den weiteren Plätzen folgen außerdem fehlende finanzielle Mittel (68 Prozent), die Trägheit des Systems (66 Prozent), Lernrückstände durch Corona (61 Prozent) und eine unzureichende Digitalisierung der Schulen (61 Prozent).

Gegen den Personalmangel unterstützen die Befragten die Nachqualifizierung von Lehrkräften in Mangelfächern (79 Prozent) sowie den Einsatz von Quereinsteigern (64 Prozent), lehnen aber größere Klassen ab (81 Prozent). Mehrheitlich sprechen sie sich zudem gegen die Abschaffung von Schulnoten (73 Prozent) und für Klassenwiederholungen bei schlechten Leistungen (78 Prozent) aus. 74 Prozent sind für höhere Bildungsausgaben – deutlich mehr als für andere Staatsausgaben.

In den Ergebnissen zeigen sich vor allem bei der Bewertung der Schulen große regionale Unterschiede. In Bayern etwa geben 41 Prozent der Befragten den Schulen in ihrem Bundesland die Note 1 oder 2, während dies in NRW nur etwa halb so viele tun (20 Prozent). Baden-Württemberg landet bei der Bewertung seiner Schulen im Vergleich der Bundesländer und Regionen auf dem zweiten Platz hinter Bayern: 31 Prozent der Befragten vergeben die Note 1 oder 2.

Weitere Infos

Weitere Informationen zum ifo-Bildungsbarometer finden Sie auf den Seiten des ifo-Instituts. Lesen Sie außerdem unsere Pressemeldung ifo-Bildungsbarometer: Schlechte Noten für die Politik.

Hintergrund

Im Bildungsstudien-Check stellt der VBE die wichtigsten nationalen und internationalen Bildungs- und Vergleichsstudien an Kitas und Schulen vor.

Nationale Bildungsstudien:

  • Bildungsbarometer (ifo Institut)
  • Deutsches Schulbarometer (Robert Bosch Stiftung)
  • IBB Schul-Barometer (PH Zug)

Nationale Vergleichsstudien:

  • Bildungsmonitor (Initiative für neue soziale Marktwirtschaft)
  • IQB-Bildungstrend (Kultusministerkonferenz)
  • VERA (Kultusministerkonferenz)

Internationale Studien:

  • IGLU (IEA)
  • PISA (OECD)
  • TIMSS (IEA)

Kita-Studien:

  • Fachkräfte-Radar (Bertelsmann Stiftung)
  • DKLK-Studie (VBE, Fleet Education)