Lederle spricht Klartext: Alle Jahre wieder!

Klartext

„Ja ist denn schon wieder Weihnachten?“, fragt meine Frau erstaunt, als ich zum bekannten Weihnachtslied anstimme. Dabei habe ich gerade in meinen Kalender geschaut, weil wir einen Termin miteinander abstimmen wollten. „Nein, das Mai-Wochenende geht wirklich nicht. Da muss ich die Erstkorrekturen meiner Realschulab schlussprüfungen Englisch machen“, erwidere ich. Statt Verständnis oder eines mitleidigen Blickes ernte ich nur die hochgezogenen Augenbrauen meiner Frau. Kein gutes Zeichen. Es wird also nichts aus dem Fußballturnier und meiner üblichen Begleitung unseres Mittleren. „Warum machst du das denn nicht unter der Woche?“, fragt sie sichtlich genervt.

Die Frage ist durchaus berechtigt. Sie weiß eigentlich schon, was das für ein Aufwand ist und dass man die Korrekturen nicht einfach so nebenher macht, wie ein Vokabeltest oder so. Sie weiß auch, dass mein Terminkalender unter der Woche relativ voll ist. Aber sie kennt als Grundschullehrerin halt die Vorgaben zur Korrektur von Abschlussarbeiten nicht, weshalb ich ihr ein lockeres „ich bin halt kein Gymnasiallehrer“ entgegenhalte, was sie noch mehr irritiert. Ich beginne also zu erklären. „Bei uns gibt es nix!“, lautet meine kurze Einführung – zumindest für Erstkorrektoren, es sei denn, es kommt zu außergewöhnlichen Belastungen, also wenn man beispielsweise für eine Kollegin oder einen Kollegen ausfallbedingt übernehmen muss oder weil man gleich mehrere Klassen parallel hat. Ist man Zweitkorrektor, kann die Schulleitung einen Korrekturtag gewähren. „Das machst du aber schon, oder?“, fragt sie mich.

Ehrlich gesagt: Ich kenne wirklich nicht viele Schulleitungen, die das nicht machen, es soll aber wohl gelegentlich vorkommen, von daher verstehe ich ihre Nachfrage. Trotzdem gilt es in der Regel, innerhalb von fünf Arbeitstagen abzuliefern, sowohl bei der Erst- als auch der Zweitkorrektur.

Anders läuft es an den Gymnasien. Jetzt fragen Sie aber bitte nicht warum, denn schon beim bloßen Gedanken schwillt mir die Arteria Carotis. Dort gilt nämlich seit dem Abitur 2022 eine erweiterte Regelung für Erst-, Zweit- und Drittkorrektoren. Erst- und Zweitkorrektoren erhalten mindestens zwei Tage Dienstbefreiung, bei mehr als 18 Abschlussarbeiten sogar drei Tage. Selbst ein Drittkorrektor erhält zwei Tage. Naja, wahrscheinlich ist das ja auch berechtigt – mir hat mal ein Spitzenfunktionär einer gymnasialen Interessenvertretung erklärt, dass ja Gymnasiallehrkräfte sowieso und nachweislich die höchste Arbeitsbelastung hätten. „Du verarschst mich doch!“, erwidert meine Frau. „Nein, das hat der mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragen, ehrlich“, entgegne ich ihr. Kopfschütteln auf beiden Seiten des Tisches. Darüber könnten wir jetzt angesichts der Unterrichtsverpflichtung bei uns von 27 bzw. 28 Wochenstunden gegenüber 25 Wochenstunden auf deren Seite mit ihm schon diskutieren. Diskutieren könnten wir sicher auch, wie sich der Begriff Belastung definiert, und erst recht könnten wir sicher über den gleichen Wert der Arbeit diskutieren, aber Schwamm drüber – zumindest über diese Aspekte.

“Es könnte ja Unterricht ausfallen und die Statistik durcheinanderhageln.“

Was ich absolut nicht verstehen kann, ist, warum hier mit so drastisch unterschiedlichem Maß gemessen wird. Ich gönne den Kolleginnen und Kollegen an den Gymnasien die Tatsache, dass sie nicht alles so nebenher abwickeln müssen wie wir. Ich würde mich sehr gerne auch auf die Korrektur der Arbeiten während meiner Arbeitszeit konzentrieren. Denn ich bin schon der Meinung, dass wir entweder korrigieren oder unterrichten können und das mit der Ubiquität uns leider nicht zuteil wird. Was ich auch überhaupt nicht verstehen kann, ist, dass man uns Schulleitungen den Schwarzen Peter zuweist und hier keine analoge und auch glasklare Lösung trifft. Nicht mal annähernd. Es wird also in unser „Ermessen“ gegeben. Wir sind die Spielverderber, nur weil sich in Stuttgart irgendjemand mal wieder geflissentlich wegduckt. Himmel hilf! Es könnte ja Unterricht ausfallen und die Statistik durcheinanderhageln. Gott bewahre! Aber wahrscheinlich ist halt unser Unterricht einfach so wichtig und qualitativ so hochwertig, dass man darauf auf keinen Fall verzichten kann. Die armen Kinder und die vielen gescheiterten Bildungsbiografien! Die armen Eltern, die stundenlange therapeutische Gespräche mit ihren Kindern führen müssen, und die verzweifeltet dreinblickenden Kinderaugen wegen des Ausfalls meiner Englischstunden mag ich mir kaum vorstellen. Aber jetzt mal ernsthaft: Sicher, da mag es schon einen Unterschied geben, im Umfang oder auch im Schwierigkeitsgrad. Aber rechtfertigt das wirklich, dass es bei uns so gar nichts gibt?

Wahrscheinlich ist das wohl wie immer im Leben. Wenn zwei das Gleiche tun, ist es halt immer noch nicht Dasselbe. „Also gut, dann korrigierst du halt und ich schlage mir die Zeit auf dem Fußballplatz um die Ohren. Dafür wäschst du dann aber die Mannschaftstrikots“, meint sie. Deal! Ich liebe Waschen, und zum Glück muss man die Dinger nicht mal bügeln.

Dirk Lederle, Schulleiter Johanniterschule Heitersheim,

Stellvertretender VBE Landesvorsitzender.