Logbucheintrag einer Studierenden: Schwimmen lernen, ohne jemals ins Becken zu steigen

Seidenperle (pixabay.de)

Angst und Unsicherheit: Was einer Lehramtsstudierenden in Hinblick auf Studium, Praxisphasen und Berufsstart durch den Kopf geht. Ein Logbucheintrag.

Ich wache auf aus einem Traum – in einem Elterngespräch wusste ich nicht, wie ich das herausfordernde Verhalten einer Schülerin ansprechen sollte, um nachhaltig zu intervenieren. Ich saß völlig unvorbereitet dem Vater gegenüber, von dem ich wusste, dass er nie zu Hause bei seiner Tochter ist. Meine Freundin, die gerade schon im Ref ist und für die Schulrechtsprüfung lernt, erzählte mir, dass sogar im Schulgesetz steht, ich solle später meine Schützlinge in der Entfaltung ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen. Wie mache ich das und wie kann ich die Schülerin nun konstruktiv und nachhaltig begleiten? I don’t know. Ich bin mir derweil aber sicher, dass mir in der Not eine schlaue Webseite oder KI weiterhelfen könnte.

Ein Albtraum? Das Einzige, was mir gerade im Kopf schwirrt, ich muss los. 8 Uhr Vorlesung. Ich studiere Sekundarstufen Lehramt im 1. Mastersemester und in einem halben Jahr startet mein Praxissemester. Vor ca. 3,5 Jahren habe ich in den Semesterferien mal Lehrkräften über die Schulter geguckt. Bei Elterngesprächen und anderen Kernaufgaben, wie Konferenzen, Unterrichtsplanung oder Zusammenarbeit mit dem sozialen Dienst war ich in den drei Wochen nicht dabei.

9 Uhr: Im Seminar erwähnt mein Professor die eminent wichtige Aufgabe der Citizenship Education. In dem vertiefenden Kurs zur Demokratiebildung gab es leider nur 20 Plätze – ich habe keinen ergattern können. Stattdessen lernen wir zum zweiten Mal eine Theorie kennen, die als überholt gilt. Wie politische Bildung und meine Fachdidaktik dann in der Praxis geht und wo ich mir Unterstützung suchen kann, weiß ich stand jetzt noch nicht so richtig. Was nützt es mir, noch eine „theoretische Grundlage“ auswendig zu lernen, wenn ich nicht mal weiß, wie ich in einem echten 6- bis 8-stündigen Schulalltag bestehen soll? Heute dann wieder gelernt, wie man theoretisch ein Problem löst.

Ich merke, dass ich theoretische Grundlagen schätze. Ohne sie wäre Unterricht wahrscheinlich nur ein Chaos aus Bauchgefühl. Aber gerade deshalb will ich endlich üben, wie man Theorie und Alltag verbindet: Wie wende ich z. B. die schönen Begriffe „Binnendifferenzierung“ oder „Scaffolding“ an, wenn ich 25-31 völlig unterschiedliche Kinder in der 5.-6. Stunde im Raum sitzen habe? Ich glaube, wir bräuchten viel mehr kleine Praxissituationen – Rollenspiele, Micro-Teaching oder Hospitationen, einen Tag pro Woche an der Schule. Sonst bleibt alles zu abstrakt.

Ich verspüre da im Magen ein Grummeln. Nicht vom Essen, aber da ist eine Angst vor dem Praxissemester. Was, wenn ich in der einzigen intensiven Praxisphase, wie auch ein Freund, Dozierende bekomme, die noch nie oder lange nicht mehr an der Schule waren? Bei so wenig Praxis fühlt sich dann sogar diese ersehnte Lernphase an, wie ein beurteilter Unterrichtsbesuch. Was, wenn ich nach 8 Semestern merke, dass der Schuldienst gar nichts für mich ist?

Ich fühle mich wie jemand, der schwimmen lernen soll, aber seit Monaten nur über den Wasserkreislauf und die Dichte von H₂O hört – ohne jemals ins Becken zu steigen. Es frustriert mich, dass wir ständig hören, wie wichtig Praxisbezug sei, aber wir nur unsere eigene Schulbiografie haben, um ihn herzustellen – und ein dreiwöchiges Praktikum im zweiten Semester, das sich retrospektive anfühlt, wie ein Türspion. Gerade habe ich mehr Angst vor dem „echten“ Berufsstart als noch vor einem Jahr – und das, obwohl ich eigentlich weiter sein sollte. Statt Klarheit wächst da eine Unsicherheit. In 1,5 Jahren bin ich am Zug.


Eva Strittmatter, Leiterin Junger VBE Baden-Württemberg


Axinia Riegel, Junger VBE Baden-Württemberg

Weitere Informationen zum Thema finden Sie in der Pressemitteilung zur Studierenden-Umfrage.