Offener Brief des VBE Baden-Württemberg zur Sicherung der Schulsozialarbeit

Schüler, Schulsozialarbeit

Die Landesregierung plant die Förderung der Schulsozialarbeit in Baden-Württemberg drastisch zu kürzen. Seit 2012 fördert das Land die Schulsoziarbeit in den Kommunen mit 16.700 Euro pro Vollzeitstelle und Schuljahr. Künftig sollen es nur noch 10.020 Euro sein. Gleichzeitig will das Land im Schnitt nur noch 0,6 Vollzeitstellen pro Schule fördern und zwar unabhängig von der Größe und Art der Schule. Aktuell liegt der landesweite Durchschnitt bei 0,65 Stellen pro Schulstandort.

 

Der dringend notwendige Ausbau der Schulsozialarbeit in Baden-Württemberg ist damit akut gefährdet. In einem offenen Brief wendet sich der VBE an die zuständigen Ministerien.

 

An das Sozialministerium und das Kultusministerium Baden-Württemberg

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großer Besorgnis wenden wir, der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg, uns angesichts der jüngsten Berichte über geplante Kürzungen der Zuwendungen für die Schulsozialarbeit an Sie. Schulsozialarbeit ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer modernen, ganzheitlichen Bildungslandschaft. Sie trägt maßgeblich zur Chancengerechtigkeit, zum sozialen Miteinander und zur individuellen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen in unserem Land bei. Eine Reduzierung oder Gefährdung dieser bewährten Strukturen hätte gravierende Auswirkungen auf unsere Schulen, die Schülerschaft sowie das gesamte Bildungssystem in Baden-Württemberg.

Entwicklung der Schulsozialarbeit in den letzten 10 Jahren

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Schulsozialarbeit in Baden-Württemberg von einer ergänzenden Dienstleistung hin zu einem tragenden Pfeiler der Bildungs- und Erziehungsarbeit an Schulen entwickelt. Die Zahl der Fachkräfte in der Schulsozialarbeit ist kontinuierlich gestiegen: Während im Jahr 2014 landesweit etwa 1.500 Schulsozialarbeiter/innen tätig waren, sind es aktuell mehr als 3.500. Dies entspricht einer Steigerung um über 130 Prozent.

Diese Expansion war eine direkte Reaktion auf vielfältige gesellschaftliche Herausforderungen, die sich im Schulalltag widerspiegeln. Insbesondere die Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher, der Umgang mit sozialer Ungleichheit, die Prävention von Gewalt und Ausgrenzung, sowie die zunehmenden psychischen Belastungen unter Schülerinnen und Schülern haben die Bedeutung der Schulsozialarbeit weiter erhöht.

Dabei hat sich auch die Präsenz an den Schulen verändert: Noch vor zehn Jahren war die Schulsozialarbeit vor allem an größeren, städtischen Schulen etabliert. Heute ist sie an nahezu allen Grund-, Haupt-, Real- und Gemeinschaftsschulen sowie an vielen Gymnasien und berufsbildenden Schulen vertreten. Die Vernetzung mit anderen Einrichtungen wie Jugendämtern, Beratungsstellen oder außerschulischen Partnern wurde systematisch ausgebaut.

Aufgaben und veränderte Anforderungen der Schulsozialarbeit

Die Aufgaben der Schulsozialarbeit haben sich in den vergangenen Jahren sowohl in Bezug auf Umfang als auch auf Komplexität erheblich gewandelt. War der Fokus früher oft auf individuelle Unterstützung bei familiären oder schulischen Problemen gerichtet, ist die Schulsozialarbeit heute ein wichtiger Baustein in präventiver Arbeit, in der Krisenintervention und in der Förderung sozialer Kompetenzen.

Zu den aktuellen Aufgaben zählen unter anderem:

  • Beratung und Begleitung von Schülerinnen und Schülern in Problemlagen sowie Unterstützung bei Lernschwierigkeiten, familiären Konflikten oder psychischen Belastungen
  • Mediation bei Konflikten zwischen Lernenden, Lehrkräften und Eltern
  • Präventionsprogramme zu Themen wie Mobbing, Sucht, Gewalt oder Medienkompetenz
  • Unterstützung bei der Integration von geflüchteten oder zugewanderten Kindern
  • Koordination von Netzwerken mit Jugendhilfe, Polizei, Gesundheitswesen und anderen Institutionen
  • Förderung der Resilienz und sozialen Kompetenzen in Gruppenarbeit und Projekten

Die Corona-Pandemie hat nach empirischen Studien im Bereich Kinder- und Jugendmedizin die Herausforderungen verschärft. Psychische Belastungen, Vereinsamung, familiäre Konflikte und Unsicherheiten haben deutlich zugenommen. Ebenso wächst der Beratungsbedarf im Bereich der digitalen Medien und des Umgangs mit Cybermobbing. Schulsozialarbeit nimmt eine Schlüsselrolle ein, um Kinder und Jugendliche in diesen unsicheren Zeiten zu stabilisieren, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und ihnen neue Perspektiven zu eröffnen.

Aktuelle Finanzierung und geplante Kürzungen

Bislang trägt sich die Schulsozialarbeit in Baden-Württemberg über eine Mischfinanzierung getragen, an der das Land, die Kommunen und in einigen Fällen auch freie Träger beteiligt sind. Die finanzielle Unterstützung durch das Land war in den letzten Jahren eine wesentliche Säule, um die flächendeckende Präsenz und Qualität der Schulsozialarbeit zu sichern.

Nach Informationen, die dem VBE aus den Medien vorliegen, stehen nun jedoch Kürzungen der Landeszuschüsse bevor. Die geplanten Einsparungen führen nicht nur zu einem Rückgang der Zahl der Fachkräfte, sondern auch dazu, dass zahlreiche bewährte Projekte und Angebote eingeschränkt oder gar gestrichen werden müssen. Dies hätte fatale Folgen für die Präventions- und Unterstützungsarbeit an unseren Schulen. Besonders betroffen wären sozial benachteiligte Regionen und Schulen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf.

Eine solche Entwicklung wäre aus Sicht des VBE ein unverantwortlicher Rückschritt in der Bildungs- und Sozialpolitik unseres Landes. Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Herausforderungen muss das Land in die Unterstützung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen investieren, nicht kürzen.

Forderungen des VBE Baden-Württemberg zur nachhaltigen Sicherung der Schulsozialarbeit

Vor diesem Hintergrund appelliert der VBE Baden-Württemberg an das Sozialministerium und das Kultusministerium, die Bedeutung der Schulsozialarbeit anzuerkennen und ihre nachhaltige Finanzierung sicherzustellen. Wir fordern:

  • Verlässliche und auskömmliche Finanzierung: Die Landesmittel für die Schulsozialarbeit müssen langfristig gesichert und bedarfsgerecht erhöht werden, um Personalstellen und Qualität flächendeckend zu gewährleisten.
  • Ausbau der Fachkräftebasis: Es bedarf zusätzlicher Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, um ausreichend qualifiziertes Personal zu gewinnen und zu halten. Die Arbeitsbedingungen und Vergütung müssen attraktiv gestaltet werden.
  • Stärkung der Kooperation: Die Zusammenarbeit zwischen Schule, Jugendhilfe und weiteren sozialen Diensten muss durch verbindliche Strukturen und Ressourcen weiter gestärkt werden, um ganzheitliche Unterstützung zu ermöglichen.
  • Verankerung der Schulsozialarbeit im Schulgesetz: Die Schulsozialarbeit muss als Pflichtaufgabe und integraler Bestandteil des Schulwesens gesetzlich verankert werden, um ihre Bedeutung dauerhaft zu sichern.
  • Qualitätssicherung und Evaluation: Die kontinuierliche Evaluation, Fortbildung und Qualitätssicherung der Schulsozialarbeit ist zu gewährleisten, um neue Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und professionell zu begegnen.

Der VBE Baden-Württemberg sieht in der Schulsozialarbeit eine zentrale Investition in die Zukunft unseres Landes. Wir bitten die Verantwortlichen nachdrücklich, die geplanten Kürzungen zurückzunehmen und stattdessen ein klares Bekenntnis zu einer starken, professionell aufgestellten und dauerhaft finanzierten Schulsozialarbeit abzugeben. Nur so können wir unseren Kindern und Jugendlichen die Unterstützung bieten, die sie für eine erfolgreiche Bildungs- und Lebensbiographie benötigen.

Mit freundlichen Grüßen

Verbandsleitung des VBE Baden-Württemberg