Die aktuelle, repräsentative Befragung des VBE Baden-Württemberg „Die Schule aus Sicht der Schulleiterinnen und Schulleiter“ zeichnet ein alarmierendes Stimmungsbild: Die Schulleitungen im Land arbeiten an der Belastungsgrenze und sind unzufrieden mit der Schulpolitik der grün-schwarzen Landesregierung – trotz Verbesserungen beim Lehrkräftemangel. VBE-Landesvorsitzender Gerhard Brand betont: „Die Rückmeldungen der Schulleitungen sprechen eine deutliche Sprache: Viele arbeiten seit Jahren am Limit und kommen an das Ende ihrer Kräfte. Schul- und Bildungspolitik muss sich an den realen Bedingungen in den Schulen messen lassen – und diese zeigen, neben einzelnen Verbesserungen, nach wie vor gravierende strukturelle Defizite.“
Die größten Probleme an den Schulen: Lehrkräftemangel und Bildungspolitik
Probleme sehen die Schulleiterinnen und Schulleiter reichlich an den Schulen. In erster Linie beschäftigt sie, wie auch in den Jahren zuvor, der Lehrkräftemangel. Knapp die Hälfte der Befragten (47 Prozent) sieht diesen als aktuell größtes Problem an ihren Schulen. Seit 2022 ist der Wert jedoch stark rückläufig (damals 77 Prozent). Auch auf Bundesebene ist ein Rückgang zu verzeichnen. Dennoch geht mehr als die Hälfte der Schulleitungen (55 Prozent) davon aus, dass der Lehrkräftemangel in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird.
Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären?
Faktisch geht der Lehrkräftemangel derzeit zwar zurück, gefühlt bleibt er für die Schulleitungen aber bestehen und steigt sogar. Zum einen binden Reformen, viele neue Projekte und Programme die Arbeitskraft der Lehrerinnen und Lehrer. Aus diesem Grund entsteht bei den Lehrkräften keineswegs das Gefühl einer Entspannung des Lehrkräftemangels. Hinzu kommt, dass die Schülerzahlen, aktuellen Berechnungen der Bildungsministerkonferenz zufolge, bundesweit bis zum Jahr 2032 deutlich ansteigen werden – um fast 600.000 Kinder und Jugendliche zusätzlich. Auch nach einer leichten Entspannung ab 2032 wird es 2040 dennoch bundesweit noch 77.000 Schülerinnen und Schüler mehr geben als heute. Mehr Schülerinnen und Schüler bedeutet auch einen größeren Bedarf an Lehrkräften.
Probleme sehen die Schulleiterinnen und Schulleiter auch in der Bildungspolitik und den Schulbehörden (29 Prozent) – dieser Wert hat sich seit 2021 praktisch verdreifacht (von 10 Prozent). Landesvorsitzender Brand erläutert: „Dieser Anstieg ist bemerkenswert und verdeutlicht, dass sich die Wahrnehmung bildungspolitischer und administrativer Rahmenbedingungen in den vergangenen Jahren spürbar zum Negativen verändert hat.“
Vielzahl an Faktoren belastet die Schulleitungen
Nahezu alle befragten Schulleitungen melden eine extreme Belastungssituation. Dazu tragen besonders das stetig wachsende Aufgabenspektrum (98 Prozent), die ausufernden Verwaltungsarbeiten (97 Prozent; wie Dokumentationspflichten oder Einhaltung von Datenschutzvorgaben) sowie politische Entscheidungen bei, die den tatsächlichen Schulalltag zu wenig berücksichtigen (97 Prozent). „Die Schulleitungen kämpfen nicht mit einzelnen Engpässen, sondern mit einer strukturellen Überforderung, für die es bis heute keine tragfähigen, dauerhaften Lösungen gibt“, betont VBE-Landesvorsitzender Gerhard Brand.
Schulleitungen üben Beruf gerne aus – weiterempfehlen würden sie ihn aber nicht
Der Schulleitungsberuf ist oftmals mehr Berufung als ein bloßer Beruf: Deshalb geben auch rund 8 von 10 Schulleitungen (82 Prozent) an, ihren Beruf im Großen und Ganzen, trotz der starken Belastungen, gerne auszuüben.
Im Unterschied zur Arbeitszufriedenheit hat sich die Weiterempfehlungsbereitschaft von der Corona-Zäsur jedoch nicht wieder erholt und stagniert seit 2021 auf niedrigem Niveau, nur 10 Prozent der Schulleitungen würden ihren Beruf auf jeden Fall weiterempfehlen. Den Landesvorsitzenden Brand überrascht die stagnierende Weiterempfehlungsbereitschaft nicht: „Schulleiterinnen und Schulleiter stehen vor immer komplexeren Aufgaben und einer stetig wachsenden Belastung. Fehlen dafür die nötigen Ressourcen, geht das an die Substanz – und das macht den Beruf kaum empfehlenswert.“
Lichtblicke: Auch Aufwärtstrends erkennbar
Trotz weiterhin spürbarer Belastungen an den Schulen zeigt sich beim Thema Lehrkräftemangel in Baden-Württemberg eine merkliche Entspannung. Wie aus der Befragung hervorgeht, hat sich die durchschnittliche Zahl unbesetzter Lehrkräftestellen (Vollzeitäquivalente) seit 2022 auf 0,6 Stellen nahezu halbiert, was in etwa 2.400 Lehrkräftestellen entspricht (volles Deputat). Rund 60 Prozent der befragten Schulleitungen berichten zudem, dass alle Lehrkräftestellen an ihren Schulen besetzt sind – ein Plus von 15 Prozentpunkten gegenüber 2022 (45 Prozent).
Gleichwohl bleibt die Situation angespannt: Ein Drittel der Schulleitungen (31 Prozent) meldet weiterhin mindestens eine unbesetzte Stelle, bei fünf Prozent sind es sogar drei oder mehr. „Es wäre wünschenswert gewesen, wenn das Kultusministerium einen größeren Anteil der 1.440 ‚wiederentdeckten‘ Lehrkräftestellen in die Grundschulen, SBBZ und die Schularten des Sekundarstufe I gesteckt hätte. Stattdessen wurden viele dieser Stellen im Rahmen von Abordnungen an andere Schularten den Gymnasien zugewiesen. Allerdings ist derzeit unklar, ob alle diese Stellen dort tatsächlich angetreten werden“, erklärt VBE-Landesvorsitzender Gerhard Brand. Im Vergleich zu anderen Bundesländern, stellt das Land Baden-Württemberg außerdem weniger Lehrkräfte ohne Lehramtsausbildung (Seiteneinsteiger) ein und setzt verstärkt auf originär ausgebildete Lehrkräfte – ein Vorgehen, das der VBE Baden-Württemberg ausdrücklich begrüßt.
Auch mit dem staatlichen Fort- und Weiterbildungsangebot ist die Mehrheit der befragten Schulleitungen zufrieden. Wichtig hierbei ist der Faktor Zeit: Rund jede zweite Schulleitung (52 Prozent) fordert Zeitfenster, um eine feste, regelmäßige Struktur für Fortbildungen zu etablieren. Außerdem ist es laut den Befragten besonders wichtig, dass sich das staatliche Fortbildungsangebot stärker an den Herausforderungen der Schulleitungen orientiert (52 Prozent).
Schlechte Bewertung der Schulpolitik der Landesregierung
Die Mehrheit der befragten Schulleiterinnen und Schulleiter (85 Prozent) ist unzufrieden mit der Schulpolitik der Landesregierung. Bei knapp der Hälfte der Befragten (48 Prozent) sorgen unkoordinierte oder halbherzig umgesetzte Reformen für Unmut. Auch eine fehlende Bedarfsorientierung und fehlende Praxistauglichkeit der Schulpolitik (37 Prozent) sowie die Arbeitsbelastung aufgrund vieler neuer Aufgaben und zu wenig zeitlicher Ressourcen (26 Prozent) sind Gründe für die Unzufriedenheit.
Landesvorsitzender Brand mahnt: „Viele Schulleitungen arbeiten seit Jahren an der Belastungsgrenze. Zeit, Personal und Ressourcen reichen nicht aus, um ihre Schulen dauerhaft professionell zu führen und qualitätsvoll weiterzuentwickeln. Erschwert wird die tagtägliche Arbeit durch die Flut an Reformen, Programmen und neuen Konzepten, die in letzter Zeit überhandgenommen haben. Selbst wenn einige Verbesserungen erkennbar sind, bleiben die zentralen strukturellen Probleme, wie der Lehrkräftemangel, weiterhin bestehen.“
Forderungen des VBE Baden-Württemberg:
- Erhöhung der Leitungszeit: Schulleitungen müssen unbedingt entlastet werden. Deshalb werden deutlich mehr zeitliche Ressourcen gefordert, um Schulen zu führen und weiterzuentwickeln. Die Schulleitungen müssen außerdem mehr Gestaltungsspielräume bekommen.
- Strategische Maßnahmen gegen den Lehrkräftemangel: Mehr originär ausgebildete Lehrkräfte, insbesondere an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ), den Grundschulen sowie an den Schulen der Sekundarstufe I.
- Einsatz multiprofessioneller Teams: Dauerhafter, flächendeckender Einsatz von multiprofessionellen Teams, die sich aus pädagogisch- sowie nicht-pädagogisch-qualifiziertem Personal zusammensetzen.
- Entbürokratisierung: Die Bürokratie an den Schulen muss reduziert werden, zum Beispiel durch digitale Verfahren oder den Wegfall von Berichts- und Dokumentationspflichten.
- Reformen und Programme mit Augenmaß: Reformen, neue Konzepte und Programme müssen praxistauglich, mit ausreichend Ressourcen hinterlegt und auf Langfristigkeit, über Legislaturen hinweg, überprüft und ausgelegt sein.
Hintergrund: Die repräsentative Befragung „Die Schule aus Sicht der Schulleiterinnen und Schulleiter“ wurde im Auftrag des VBE vom Sozialforschungsinstitut forsa vom 15. September bis 17. Oktober 2025 durchgeführt. Bundesweit wurden 1.312 Schulleitungen telefonisch oder online befragt, davon 258 aus Baden-Württemberg.
Weitere Informationen:
- forsa-Charts:_Charts_VBE_Die-Schule-aus-Sicht-der-Schulleiter_BaWue_2025
- forsa-Bericht: VBE_Schulleitung_Umfrage_BaWü_2025
- Redetext von Gerhard Brand: Redetext Gerhard Brand_PK Berufszufriedenheit_2025_Redeversion
