Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Frühkindliche Bildung ist mehr als „nur“ Betreuung. Sie ist ein zentraler Bestandteil unserer Bildungsbiografie, ein Ort der Beziehungsarbeit, des sozialen Lernens, der Chancengerechtigkeit und der Persönlichkeitsentwicklung. Und doch wird die Kindertagesbetreuung zunehmend auf ihre bloße „Verfügbarkeit“ reduziert. Die Schlagzeile lautet oft: „Betreuung muss sichergestellt werden – koste es, was es wolle.“ Doch diese Haltung birgt Risiken – für Kinder, für pädagogische Fachkräfte, für Träger, für die Qualität der Bildung und letztlich für die Zukunft unseres Systems.
Zwischen dem politischen und gesellschaftlichen Druck, die Betreuungsquote hochzuhalten, und dem ebenso drängenden Problem des Fachkräftemangels klafft ein Spannungsfeld, das die Kitas im Alltag an ihre Grenzen bringt – organisatorisch, qualitativ und ethisch. Der VBE beobachtet mit Sorge, dass politische Lösungen häufig allein auf Betreuungskapazitäten zielen – ohne Rücksicht auf Qualität und Fachlichkeit.
Der Druck zur Betreuungsgarantie: „Hauptsache, die Kita ist offen“
Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen steigt stetig – befeuert durch den Rechtsanspruch, wirtschaftliche Zwänge vieler Familien und gesellschaftspolitische Ziele wie die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Kommunen und Träger stehen unter immensem Druck, Plätze zu schaffen, Gruppen zu erweitern, Öffnungszeiten auszudehnen – oft ungeachtet der Frage, ob genügend qualifiziertes Personal vorhanden ist.
Dies führt zu Notlösungen: Gruppen werden aufrechterhalten, obwohl Personal fehlt. Vertretungskräfte ohne pädagogische Ausbildung springen ein. Springer- oder Pool-Modelle kaschieren strukturelle Engpässe. Pädagogische Fachkräfte stemmen Betreuung mit der „roten Linie“ im Rücken. Der VBE sieht mit großer Besorgnis, dass sich dadurch eine neue Normalität etabliert – die auf Dauer weder tragbar noch verantwortbar ist. Die Folge ist eine systematische Überforderung – für die Fachkräfte, für die Leitungen, für die Kinder. Der Arbeitsalltag wird von Reaktionen auf den Mangel bestimmt, nicht von pädagogischer Planung oder Bildungskonzeption. Gleichzeitig sinkt die gesellschaftliche Wertschätzung, wenn die Botschaft lautet: „Irgendwie wird es schon weitergehen.“
Wenn die Betreuung fehlt: Wie der Fachkräftemangel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedroht
Was zunächst als reines „Kita-Problem“ erscheint, hat längst weitreichende gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen. Denn der Fachkräftemangel in Kindertageseinrichtungen wirkt sich nicht nur auf den pädagogischen Alltag und die Qualität der frühen Bildung aus – sondern auch direkt auf die Lebensrealität von Familien und auf die Leistungsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft. Der VBE betont, dass die Kita ein zentrales Fundament gesellschaftlicher Infrastruktur ist – kein isoliertes Bildungssystem.
Info: Vereinbarkeit unter Druck – Zahlen & Fakten Über 40 % der Mütter mit Kindern unter drei Jahren geben laut einer aktuellen BMFSFJ-Studie an, dass fehlende oder unzuverlässige Kinderbetreuung ihre Erwerbstätigkeit einschränkt. Jede zweite Kita in Deutschland musste laut einer Umfrage aus dem Jahr 2023 ihre Öffnungszeiten kürzen oder Gruppen ganz schließen – überwiegend aus Personalmangel. Der VBE sieht die Handlungsfähigkeit vieler Einrichtungen dadurch massiv gefährdet. Bis zu 95 Milliarden Euro pro Jahr verliert die deutsche Volkswirtschaft laut Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln), weil qualifizierte Fachkräfte aufgrund fehlender Kinderbetreuung nicht oder nur eingeschränkt arbeiten können. Die Summe umfasst entgangene Steuer- und Sozialabgaben sowie Produktivitätsausfälle. Der VBE fordert deshalb eine bessere Verknüpfung von Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik.
Immer häufiger berichten Eltern, dass sie kurzfristig keinen Betreuungsplatz erhalten – oder dass sie mit unregelmäßigen Schließungen, verkürzten Öffnungszeiten oder monatelangen Eingewöhnungs-Warteschleifen konfrontiert sind. In vielen Kommunen – ob ländlich oder städtisch – entscheiden inzwischen nicht mehr Wunsch-Kita oder pädagogisches Konzept über die Wahl des Platzes, sondern einzig die Frage: „Gibt es überhaupt einen Platz – und wenn ja, zu welchen Bedingungen?“
Diese instabile Betreuungssituation hat gravierende Konsequenzen für die Erwerbstätigkeit junger Eltern. Viele Mütter, zunehmend aber auch Väter, reduzieren ihre Arbeitszeit oder steigen gar nicht erst wieder ins Berufsleben ein. Die Folge: Eine zunehmende Verlangsamung der Erwerbsbeteiligung, insbesondere bei Frauen – trotz aller politischen Programme zur Gleichstellung.
Beispiel aus der Praxis: In einem Unternehmen mit 300 Mitarbeitenden in einer mittelgroßen Stadt mussten im Jahr 2024 zwölf qualifizierte Fachkräfte ihren Arbeitsplatz kündigen oder ihre Stunden reduzieren, weil die örtlichen Kitas über Monate keine Ganztagsbetreuung sicherstellen konnten. Ein großer Teil der Stellen konnte bis Ende des Jahres nicht nachbesetzt werden – die wirtschaftliche Belastung für das Unternehmen wuchs, ebenso wie der Frust bei der Belegschaft.
Diese Realität ist kein Einzelfall. Studien belegen: Wenn Betreuung ausfällt, können Arbeitskräfte nicht zur Verfügung stehen – und das betrifft längst nicht mehr nur Einzelne, sondern einen systemrelevanten Teil der Erwerbsbevölkerung. Besonders hart trifft es Alleinerziehende, die ohne Netzwerk und ohne flexible Arbeitgeber oft in prekäre Situationen geraten. Der VBE fordert daher eine integrative Fachkräfteplanung, die Familien- und Bildungspolitik zusammendenkt.
Ausbildung in der Krise: Quantität vor Qualität
Gleichzeitig erleben wir eine tiefgreifende Umstrukturierung der Fachkräfteausbildung: Die praxisintegrierte Ausbildung (PiA) ist flächendeckend eingeführt. Quereinstiege und modellhafte Sonderwege nehmen zu. Der Zeitdruck steigt, mehr Menschen schneller „einsatzfähig“ zu machen.
Was gut gemeint ist – nämlich die Durchlässigkeit des Berufs zu erhöhen und den Fachkräftepool zu vergrößern – birgt erhebliche Gefahren: Überlastung von Anleitungen und Einrichtungen, die Auszubildende begleiten sollen, aber selbst kaum Luft zum Atmen haben. Fehlende Qualitätsstandards und Schutzmechanismen für die Ausbildungssituation. Widersprüche zwischen Theorie und Praxis, wenn in der Ausbildung reflektierte, kindzentrierte Arbeit gelehrt wird – die Realität aber von Aufsichtspflicht und Personalnot dominiert wird.
Info: Herausforderungen in der Ausbildung Die Fachkraft-Quote in Baden-Württembergs Kitas ist rückläufig. Der Anteil der Kita-Teams, in denen nur 50 bis unter 70 Prozent des pädagogischen Personals als Fachkraft qualifiziert sind, ist von fast 28 Prozent im Jahr 2017 auf über 37 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen. Insgesamt haben laut Bertelsmann-Studie 71 Prozent der Kita-Beschäftigten im Land einen Fachschulabschluss, was knapp unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Der VBE mahnt, dass Ausbildungsoffensiven ohne begleitende Qualitätsstrategien ins Leere laufen.
Gerade in diesem Spannungsfeld entscheiden sich viele junge Menschen gegen den Verbleib im Beruf, noch bevor sie richtig angekommen sind. Der VBE warnt: Eine Ausbildung, die unter Bedingungen des Mangels stattfindet, gefährdet langfristig die Professionalität des Berufsstandes. Der Verband fordert deshalb verbindliche Qualitätsrahmen für Ausbildung, geschützte Lernzeiten sowie eine verlässliche Qualifizierung und Entlastung der Praxisanleitung.
Fachkräftegewinnung – ein systemisches Problem
Es mangelt nicht an engagierten Menschen – sondern an attraktiven Bedingungen. Fachkräftegewinnung ist keine Frage von Werbeplakaten, sondern von struktureller Veränderung: tarifliche Aufwertung – nicht nur im Gehalt, sondern auch in der Eingruppierung und der Anerkennung von Leitungs- und Zusatzverantwortung. Verlässliche Arbeitszeiten, familienfreundliche Modelle und echte Mitgestaltung. Wertschätzung durch Politik und Gesellschaft, die sich auch in Ressourcenzuteilung und Bürokratieabbau zeigt. Bildungsgerechtigkeit durch Investition in Ausbildungskapazitäten, bezahlte Praxisphasen und durchdachte Qualifizierungswege.
Fachkräfte wollen nicht „irgendwie betreuen“, sondern pädagogisch gestalten. Dafür brauchen sie Rahmenbedingungen, die pädagogisches Handeln ermöglichen – nicht erschweren. Der VBE fordert: Wer den Beruf langfristig attraktiv machen will, muss mehr als Einstiegsgehälter im Blick haben – es geht um Entwicklungsperspektiven, um Arbeitszufriedenheit und um ein Klima, das pädagogisches Handeln wertschätzt.
Zwischen Qualität und Kompromiss: Was jetzt passieren muss
Solange der Anspruch auf Betreuung mit der Brechstange durchgesetzt wird, leidet das System an seiner eigenen Überlastung. Deshalb braucht es: ein ehrliches Monitoring des Fachkräftebedarfs – und der realen Versorgungslage in den Kitas. Qualitätsorientierte Steuerung durch Länder und Kommunen, die auch Kapazitätsgrenzen anerkennt. Klar definierte Standards für pädagogische Mindestqualität, auch in Mangelzeiten. Einbindung von Fachkräften, Praxisanleitungen und Verbänden in politische Prozesse, um realitätsnahe Lösungen zu entwickeln.
Der VBE betont: Bildung braucht Fachlichkeit – und diese ist nicht verhandelbar. Gute pädagogische Arbeit entsteht nicht aus Improvisation, sondern aus Professionalität. Das Spannungsfeld zwischen Betreuungszwang und Fachkräfteentwicklung wird sich nicht von selbst lösen. Es braucht den Mut zur Debatte und die Bereitschaft, das System der frühen Bildung vom Kind her zu denken – und nicht von der Lücke im Arbeitsmarkt. Betreuung garantieren – ja, aber nicht um jeden Preis. Sondern mit dem Ziel, Bildung, Bindung und Beteiligung für alle Kinder auf hohem Niveau zu ermöglichen. Das ist kein Luxus – das ist eine Frage der gesellschaftlichen Verantwortung.
Mögliche Wege aus der Dauerkrise – für ein starkes und zukunftsfähiges Kita-System
Der Fachkräftemangel in Kindertageseinrichtungen ist kein temporäres Problem, sondern ein strukturelles. Er gefährdet nicht nur die Qualität frühkindlicher Bildung, sondern auch die gesellschaftliche Teilhabe von Familien und die wirtschaftliche Entwicklung. Alle Akteure im System stehen in der Verantwortung – und brauchen politische Rückendeckung. Was es jetzt braucht, sind koordinierte Maßnahmen auf mehreren Ebenen. Der VBE fordert, diese Maßnahmen nicht als Krisenreaktion, sondern als langfristige Investition in Bildungsgerechtigkeit zu verstehen.
Info: Auswirkungen des Fachkräftemangels Überlastung des Personals: Der bestehende Personalmangel führt zu zusätzlichen Überstunden und einer zunehmenden Überlastung der vorhandenen Mitarbeiter*innen. Dies erhöht das Risiko weiterer Personalausfälle. Der VBE warnt vor einer Abwärtsspirale aus Erschöpfung und Berufsflucht. Einschränkungen für Kinder: Aufgrund des Mangels müssen Aktivitäten und Fördermaßnahmen für Kinder eingeschränkt werden, was besonders Kinder mit Behinderungen betrifft, da ihnen notwendige Unterstützungen oft nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen. Der VBE sieht hierin eine Verletzung von Teilhabeansprüchen.
Für die Politik (Bund, Länder und Kommunen)
Der VBE erwartet eine verlässliche Fachkraftbedarfsplanung: Auf Basis belastbarer Zahlen muss eine vorausschauende Steuerung erfolgen – statt Krisenmodus und Reaktion auf Notlagen. Realistische Personalschlüssel, regionale Analysen und Zielgrößen sind unverzichtbar.
Finanzielle Priorisierung frühkindlicher Bildung: Kita-Ausbau darf nicht allein baulich gedacht werden – Personalstellen, Ausbildungskapazitäten und Qualifizierung müssen finanziell gleichrangig gesichert sein.
Attraktivität des Berufs gezielt fördern: Dazu gehören tarifliche Aufwertung, Karrierewege innerhalb der frühen Bildung (z. B. in Fachberatung oder Leitung), bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Fachkräfte selbst sowie gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen.
Zukunftsfähige Ausbildungswege gestalten: Die PiA-Modelle sollten qualitativ weiterentwickelt, klassische Ausbildungswege gestärkt und attraktive Anschlussqualifizierungen gefördert werden. Auch die Einbindung von Studierenden der Sozialpädagogik kann gezielt ausgebaut werden.
Info: Fachkräftemangel in Baden-Württembergs Kitas Laut dem Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme der Bertelsmann Stiftung fehlen in Baden-Württemberg rund 16.800 pädagogische Fachkräfte, um den bestehenden Betreuungsbedarf zu decken. Diese Lücke erschwert die Einhaltung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz und stellt ein erhebliches Hindernis für die frühkindliche Bildung dar.
Für Träger und Kita-Leitungen
Der VBE empfiehlt Trägern und Leitungen, ihre Rolle als Ausbildungsort ernst zu nehmen: Auszubildende brauchen gut qualifizierte Anleiter/innen, feste Ansprechpartner und zeitliche Ressourcen. Wer in der Krise nur „mitläuft“, wird den Beruf später meiden.
Innovative Personalmodelle entwickeln: Dazu gehören multiprofessionelle Teams, Springermodelle mit Qualitätsanspruch oder Tandemlösungen für belastete Gruppen. Auch Sozialraumkooperationen können Ressourcen bündeln.
Transparente Kommunikation mit Familien: Ein realistischer Umgang mit Engpässen, aber auch eine klare Haltung zu pädagogischen Standards hilft, Vertrauen zu wahren. Familien sollten als Partner in der Entwicklung von Notfall- und Übergangsmodellen eingebunden werden.
Fachkräfte binden – nicht nur gewinnen: Langfristige Beschäftigungsmodelle, individuelle Fortbildungsmöglichkeiten, gute Leitungskultur und Mitgestaltung im Alltag sind entscheidende Faktoren gegen Fluktuation. Der VBE plädiert für eine Kultur der Anerkennung und Beteiligung.
Für Fachschulen, Hochschulen und Ausbildungseinrichtungen
Ausbildung stärken, nicht verwässern: Es braucht Zeit, Tiefe und Reflexion. Verkürzte oder überfrachtete Curricula schaden der Qualität. Eine klare Verzahnung von Theorie und Praxis muss gestärkt werden.
Praxisphasen absichern: Ausbildungsverträge, die auf Kosten der Lernzeit oder Begleitung gehen, müssen überprüft werden. Die Rolle der Praxisanleitung sollte als eigener Qualifizierungsbereich anerkannt und honoriert werden. Der VBE fordert verbindliche Rahmenbedingungen für qualitativ hochwertige Praxisanleitung.
Quereinstieg mit Bedacht gestalten: Menschen mit Berufserfahrung aus anderen Bereichen können wertvolle Impulse bringen – sie brauchen jedoch gezielte Vorbereitung, professionelle Begleitung und klare Standards für den Kompetenzerwerb.
Für die Fachpraxis – jede Fachkraft zählt
Position beziehen: Wer gute Pädagogik lebt, darf sich nicht in der Notbetreuung verlieren. Reflexion, Teamsupervision und fachliche Einmischung sind nicht „Luxus“, sondern Ausdruck professioneller Verantwortung. Der VBE ruft dazu auf, sich im Berufsalltag bewusst für Qualität stark zu machen.
Nachwuchs stärken: Auszubildende, Praktikanten/innen und Neueinsteiger/innen sind keine „Hilfskräfte“, sondern Kollegen/innen in Entwicklung. Wertschätzung, echtes Interesse und Begleitung sind Schlüssel zur Berufsidentifikation.
Sich vernetzen – laut werden: Ob über Fachverbände, Kita-Verbünde oder Fortbildungsnetzwerke – gemeinsam ist mehr Einfluss möglich. Die Fachpraxis braucht Sichtbarkeit und Einfluss in die bildungspolitischen Prozesse. Der VBE bietet hier Plattformen und Bündnisse für Mitwirkung an.
Susanne Sargk, Landesreferatsleiterin Kita
