Der Titel dieses Klassikers von Queen und David Bowie passt leider nur zu gut auf die derzeitige Lage an unseren Grundschulen. Ja, wir stehen unter Dauerdruck aufgrund vielfältigster Herausforderungen. Und nein, dies ist kein Gejammer, sondern ein berechtigter Hinweis auf die Situation an unseren Schulen. Was genau ist so belastend? Um den Rahmen dieses Beitrags nicht komplett zu sprengen, möchte ich mich nachfolgend auf zwei zentrale Punkte fokussieren.
Dringend gesucht: Eine echte Krankheitsreserve
Persönlich kenne ich kein größeres Unternehmen, welches ohne eine Krankheitsreserve arbeitet. Der betriebswirtschaftliche Schaden wäre einfach zu hoch. Da stellt sich schon die Frage, warum dies beim Grundschulbetrieb des Landes mit gut 2.300 Schulen und rund 20.000 Schulklassen anders sein sollte?
Schauen wir auf die Fakten: Das Statistische Bundesamt meldet, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2023 durchschnittlich an 15,1 Arbeitstagen krankgemeldet waren. Erfasst sind hier allerdings nur die Fehltage ab dem dritten Arbeitstag, die Dunkelziffer dürfte also nochmal deutlich höher liegen. Dies bestätigt sich in der Auskunft der DAK, die da lautet: „Im Gesamtjahr 2023 waren es im Durchschnitt 20 Fehltage pro Kopf.“ Der Spiegel wiederum schreibt, dass Beamtinnen und Beamte im Jahr 2023 im Schnitt rund 22 Tage und Tarifbeschäftigte durchschnittlich rund 24 Tage krank waren. Und die AOK berichtet sogar, dass Berufstätige im Kalenderjahr 2023 durchschnittlich mehr als 26 Tage ausgefallen sind.
Je nach Quelle reicht die Spanne somit von 15 bis 26 Tagen. Gehen wir der Einfachheit halber von 20 krankheitsbedingten Fehltagen aus. An den Schulen kommen dann Fortbildungstage, Dienstbesprechungen, Beurlaubungen, Fehltage aufgrund von außerunterrichtlichen Veranstaltungen usw. nochmals hinzu. Zurückhaltend geschätzt können wir sicherlich fünf weitere Fehltage addieren. Nehmen wir nun ein zwanzigköpfiges Kollegium und rechnen mit durchschnittlich 25 Fehltagen pro Kopf im Laufe eines Schuljahres. Es ist nicht sehr schwierig, diese kleine Textaufgabe zu lösen und 20 mit 25 zu multiplizieren. Das Ergebnis aber ist umso erschreckender: Wir kommen auf eine Summe von sage und schreibe 500 Fehltagen. Unglaublich also, wie oft Unterrichtsstunden innerhalb eines Schuljahres vertreten, Doppelaufsichten geleistet, bzw. andere Maßnahmen getroffen werden müssen oder gar ganz ausfallen.
Mehrarbeit steht in der Grundschule inzwischen auf der Tagesordnung und ist völlig normal. Alle springen regelmäßig ein und halten den Schulbetrieb durch eine deutlich erhöhte Arbeitslast am Laufen. Es ist jedoch weder die Aufgabe der Schulleitung noch die der Lehrkräfte, einen systematischen Mangel zu kompensieren. Es ist vielmehr die Pflicht des Landes, die Schulen personell so aufzustellen, dass die Erfüllung des Unterrichts sichergestellt ist. Im Rahmen der Fürsorgepflicht und im Hinblick auf den Arbeits- und Gesundheitsschutz darf es nicht zur Regel werden, dass Lehrerinnen und Lehrer mehr als ihr individuelles Deputat unterrichten. Zwingend notwendige Abwesenheitsvertretungen müssen für alle betroffenen Lehrkräfte sowie für die Schulleitungen unter Berücksichtigung von Belastungs- und Gerechtigkeitsaspekten leistbar und zumutbar sein. All dies lässt nur eine logische Schussfolgerung zu: Das Land muss endlich eine Krankheitsreserve von 110% an unseren Schulen einrichten, damit der Schulalltag für alle Beteiligten unter fairen Bedingungen gewährleistest werden kann.
Nicht so dringend gesucht: Immer neue Programme, Projekte und Konzepte
Damit kommen wir zum zweiten Punkt. Auch in diesem Schuljahr begleiten uns an den Grundschulen wieder zahlreiche neue Ideen, Programme und Bildungsprojekte, die wir nun vor Ort umsetzen, ausgestalten und verwalten dürfen.
Nehmen wir etwa das Startchancen-Programm. In Baden-Württemberg soll ein Sozialindex sicherstellen, dass dort, wo es am nötigsten ist, künftig auch mehr ankommt. Auswirkungen soll es dabei auch auf die Zuweisung von Deputats-Wochenstunden geben. Der VBE begleitet dieses hoch budgetierte Programm grundsätzlich positiv und dennoch stellen wir fest: Für die betreffenden Kollegien bedeutet es zunächst einmal weitere Mehrarbeit. Sie sollen neue Konzepte entwickeln, passende Kooperationspartner finden und sich mit den anderen Startchancen-Schulen vernetzen.
Gleichzeitig startet mit SprachFit die neu aufgesetzte Sprachförderung an Kitas und Grundschulen. Los geht es mit rund 350 Fördergruppen für Kinder im Vorschulalter. Der flächendeckende Ausbau auf rund 4.200 Gruppen soll bis zum Schuljahr 2027/2028 erfolgen. Die Gruppen können sowohl mit pädagogischen Fachkräften an Kitas als auch mit Lehrkräften an Grundschulen eingerichtet werden. Voraussetzung allerdings ist, dass es das Land überhaupt schafft, ausreichend Sprachfachkräfte auszubilden.
Nicht minder große Ziele verfolgt die Landesregierung beim Ganztagesausbau. Um diesen voranzutreiben und die kommunalen Klagen über zu geringe Fördermittel aufzufangen, hatte das Land zuletzt eine kräftige Finanzspritze von mehreren hundert Millionen Euro bereitgestellt. Unbeantwortet blieben allerdings die Fragen nach einem Qualitätsrahmen und dem Aufzeigen eines realistischen Zeithorizonts für eine flächendeckende Umsetzung.
Dann wären da noch diverse Lernstandserhebungen und Kompetenzmessungen, von Kompass 4 über VERA 3 bis hin zu Lernstand 2, das neue Übergangsverfahren NAVI 4, die angekündigten Juniorklassen ab dem Schuljahr 2025/2026 und, und, und.
Die Grundschulen werden mit neuen und gutgemeinten Programmen geradezu überschüttet. Sicher gibt es für jedes einzelne dieser Programme gute Gründe und sicher hat jedes für sich genommen seine Berechtigung. Doch wie sagte schon Aristoteles: Das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Teile. Dies kann aber auchins Negative kippen. Und wenn wir das Gesamtbild betrachten, können wir uns des Eindruckes nicht erwehren, dass die Grundschulen gerade an viel zu vielen Stellschrauben auf einmal drehen müssen.
Fazit
Das Land beschreitet neue Wege. Mit groß angelegten Programmen versucht es, unser Bildungssystem voranzubringen. Kultusministerium, ZSL und IBBW arbeiten auf Hochtouren und schaffen es doch oft erst spät, die notwendigen Informationen auf den Weg zu bringen. Denn auch in den Kultusbehörden ist der Druck hoch und die Personalausstattung ähnlich knapp bemessen wie an den Schulen. Alles ist mit heißer Nadel gestrickt. Oft werden zunächst Spitz auf Knopf politische Entscheidungen getroffen, bevor die betreffenden Behörden diese dann in kürzester Zeit auf den Weg bringen und kommunizieren müssen. Land und Kultusverwaltung dürfen allerdings nicht vergessen, dass die Basis mitgenommen und die Belastung insgesamt gesteuert werden muss. Ein immer Mehr funktioniert nicht, sondern fährt das System – besser gesagt die Lehrkräfte – an die Wand. Die Praxis ruft nach Entlastung und nicht nach zusätzlicher Belastung!
Mit kollegialen Grüßen

Ihr Walter Beyer
Stellvertretender Landesvorsitzender
