Grundschullehrkräfte am Limit: Lehrerinnen und Lehrer sind engagiert, aber stark belastet

Zunehmende Anforderungen an Lehrkräfte

Die Zahlen der VBE-Umfrage unter Grundschullehrkräften sprechen eine deutliche Sprache – und sie erzählen von Lehrkräften, die am Limit sind: Fast alle befragten Lehrerinnen und Lehrer (97,5 Prozent) empfinden ihre persönliche Belastung als „hoch“ oder „eher hoch“. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) sagt: Die Belastungsgrenze ist längst erreicht. Und doch halten die Teams eng zusammen: Ganze 80 Prozent beschreiben die Stimmung im Kollegium als „gut“ oder „eher gut“.

Aus der deutlichen Diskrepanz zwischen Stimmung und Belastung entsteht eine gefährliche Spannung – mittelfristig kann diese zu Frustration und gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand versteht die Ergebnisse der Umfrage deshalb als Warnsignal: „Unsere Umfrage zeigt, wie viel Stärke, Verantwortungsbewusstsein und Professionalität die Kolleginnen und Kollegen an den Grundschulen Tag für Tag beweisen. Gleichzeitig ist klar, dass dieses Engagement keine Dauerlösung für strukturelle Defizite sein darf.“

Belastungsfaktor Heterogenität

Lehrkräfte erleben vor allem die Heterogenität der Schülerschaft als starke Herausforderung: Fast dreiviertel der Befragten (72 Prozent) nennen sie als größten Belastungsfaktor. Doch auch Disziplinschwierigkeiten spielen eine zentrale Rolle, welche von 57 Prozent der Lehrkräfte als besonders belastend im Schulalltag empfunden werden. Zusätzliche Anforderungen durch Programme und Vorgaben des Kultusministeriums, wie BiSS-Transfer oder Starke BASIS!, werden ebenfalls häufig als Belastung wahrgenommen (57 Prozent). Auch die datengestützte Qualitätsentwicklung trägt zur steigenden Arbeitsbelastung bei: Fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) berichtet von einem deutlichen Mehraufwand durch Instrumente wie Lernstand 2, VERA, und Kompass 4. Walter Beyer, stellvertretender Landesvorsitzender, verdeutlicht den Druck, der auf den Lehrkräften lastet: „Die Lehrerinnen und Lehrer leisten täglich Beeindruckendes: Sie unterrichten in immer heterogeneren Klassen, bewältigen Disziplinschwierigkeiten der Schülerinnen und Schüler und setzen gleichzeitig neue Programme um. Doch wer ständig neue Anforderungen stellt, ohne Zeit, Personal und Freiräume zu schaffen, überfordert ein System, das die Belastungsgrenze bereits erreicht hat.“

Schlechte Noten für die Inklusion

Die VBE-Umfrage unter Grundschullehrkräften zeigt: Der Großteil der Lehrkräfte ist unzufrieden mit der Umsetzung der Inklusion an der eigenen Schule. „Zufrieden“ oder „eher zufrieden“ sind lediglich 12 Prozent der Befragten, wohingegen 63 Prozent „unzufrieden“ oder „eher unzufrieden“ mit der Umsetzung sind. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass es strukturellen Verbesserungen bedarf, wie Kooperationszeiten oder insgesamt eine bessere personelle Versorgung.

Datengestützte Qualitätsentwicklung: Bislang wenig Akzeptanz unter den Grundschullehrkräften

Die vielen Neuerungen im Bereich der Grundschule werden zwiespältig gesehen. BiSS-Transfer, Starke BASIS!, Ziel- und Leistungsvereinbarungen, Lernstand 2, Vera 3, Kompass 4 – diese Programme konnten bei den befragten Lehrkräften bislang (noch) nicht vollends überzeugen. So empfinden beispielsweise BiSS-Transfer 41 Prozent als „hilfreich/eher hilfreich“, weitere 41 Prozent empfinden es als „wenig hilfreich/überhaupt nicht hilfreich“. Um eine größere Akzeptanz zu erreichen, braucht es mehr Zeit (Anrechnungsstunden), zusätzliches Personal, in Form von z.B. Pädagogischen Assistentinnen und Assistenten, sowie digitale Eingabe- und Auswertungsmöglichkeiten. 

Was motiviert die Grundschullehrkräfte?

Die emotionale Bindung der Grundschullehrkräfte an den Beruf ist hoch, aber es zeigt sich, dass Weiterempfehlung und Motivation stark von den Rahmenbedingungen abhängen. Es wird deutlich, dass es einer besseren Vergütung bedarf: Über 89 Prozent der Befragten geben an, dass eine Besoldung nach A 13 ihre Arbeitsmotivation steigern würde. Weiterempfehlen würden ihren Beruf immerhin über die Hälfte der Befragten (58 Prozent) die andere Hälfte gibt jedoch „eher nicht“ oder „gar nicht“ an. Dennoch übt der Großteil der befragten Grundschullehrkräften ihren Beruf gerne aus. Zusätzlich zu einer besseren Vergütung bedarf es zusätzlicher Entlastungen durch kleinere Klassen, Doppelbesetzungen bei herausfordernden Klassen und zusätzlich pädagogische Assistentinnen und Assistenten.

Wunschzettel der Lehrerinnen und Lehrer: Strukturelle Entlastungen gefordert

Die Wünsche der befragten Lehrkräfte verwundern nicht: Es werden strukturelle Verbesserungen gefordert – nicht einfach „mehr Personal“, sondern auch systemische Unterstützung und eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. So wünschen sich 69 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer kleinere Klassen. 67 Prozent fordern eine Aufstockung der Krankheitsreserve auf 110 Prozent. Denn Personalausfälle werden auf Kosten der Lehrkräfte und der Schülerinnen und Schüler aufgefangen – mit Qualitätsverlusten und zusätzlichen Belastungen. Mehr als die Hälfte der Befragten drängt außerdem auf eine Entbürokratisierung. Viele Lehrkräfte wünschen sich zudem echte Förderstunden (53 Prozent) oder eine Verringerung des Deputats (49 Prozent).

Politik der Landesregierung: Versetzung gefährdet?

Das Zeichen an die Politik ist eindeutig: Grundschulen fühlen sich nicht ausreichend unterstützt. Das zeigt sich klar in der Bewertung der Landesregierung. Fast ein Drittel der befragten Lehrkräfte vergibt die Note „mangelhaft“. 12 Prozent sogar die Note „ungenügend“. „Gut“ finden die Landespolitik nur 3 Prozent der Befragten.

Fazit: Forderungen an die politischen Parteien für die Landtagswahl 2026

Die Umfrage bestätigt, dass Grundschullehrkräfte hoch engagiert, aber strukturell überlastet sind. „Engagement ersetzt keine Entlastung. Wer von Lehrkräften Qualität erwartet, muss ihnen Zeit, Personal und faire Bezahlung geben – sonst ist das System bald am Ende seiner Kraft,“ so Gerhard Brand. 

Die Umfrage offenbart ein eindeutiges bildungspolitisches Mandat: Es braucht vor allem bessere Rahmenbedingungen an den Grundschulen. Die Arbeitsbelastung muss durch eine Erhöhung der AE-Stunden (Allgemeines Entlastungskontingent) für Lehrkräfte und mehr Leitungszeit für Schulleitungen deutlich gesenkt werden. Nur so erreicht man in einem zweiten Schritt auch mehr Akzeptanz bei der Umsetzung der Konzeptionen. 

Walter Beyer fordert strukturelle Reformen: „Unsere Grundschulen brauchen endlich bessere Rahmenbedingungen. Lehrkräfte und Schulleitungen leisten täglich Außergewöhnliches – jetzt ist es Aufgabe der Politik, die Strukturen so zu gestalten, dass gute Arbeit auch unter guten Bedingungen möglich ist.“

Der VBE fordert angesichts der Umfrageergebnisse:
  • Die Arbeitsbelastung muss deutlich gesenkt werden
  • Es braucht mehr Unterstützung beim Thema Heterogenität an Grundschulen
  • Kleine Klassen
  • Krankheitsreserve 110 % PLUS
  • Doppelbesetzungen in herausfordernden Klassen
  • Besoldung von Grundschullehrkräften nach A 13 
  • Bürokratieabbau

Hier finden Sie alle Daten der VBE Grundschulumfrage (einfach klicken).

Walter Beyer, Stv. Landesvorsitzender