Ich bin eine Grundschule. Eine von vielen.
Ich stehe mitten in einer kleinen Stadt, zwischen Kindergarten und Sportplatz. Ich war einmal ein Ort der Geborgenheit, des Neuanfangs, des kindlichen Staunens.
Heute bin ich ein Ort der Überforderung.
Ich bin ein System im Stillstand. Und ich rufe. Ich rufe, weil ich nicht mehr schreien kann. Wer durch meine Gänge geht, hört noch das Lachen der Kinder – ja. Aber es mischt sich mit der Erschöpfung der Erwachsenen, mit dem Druck der Zahlen, mit dem Lärm von Erwartungen, die ich nicht mehr erfüllen kann. Ich bin am Limit. Meine Mauern tragen mehr Last, als sie tragen sollten. Und was in mir zerbricht, zerbricht an der empfindlichsten Stelle: bei den Kindern.
Die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten Vera 3 und der Lernstandskontrollen sprechen eine bittere Sprache. Seit Jahren. Und es wird nicht besser. Immer mehr Kinder erreichen die grundlegenden Ziele nicht – selbst in der ersten Klasse scheitern viele an dem, was früher als selbstverständlich galt.
Doch wer die Wahrheit sagt, wird zum Risiko. In Rheinland-Pfalz wurde eine Schulleiterin, die sich offen zum regelmäßigen Scheitern vieler ihrer Erstklässler geäußert hatte, vom Dienstherrn „freundlich“ gebeten, dazu künftig zu schweigen. Es ist ein Schweigen, das laut schreit – und das zeigt, wie groß die Angst vor der Wahrheit ist.
Und dann kommen sie: Die Konzepte, immer neue Ideen, Programme, Maßnahmen, mit gutem Willen, aber ohne Wirkung. Sie kommen ohne Ressourcen, ohne Zeit und ohne Menschen. Sie wirken wie Wasser, das man in einen Eimer ohne Boden gießt. Ich bin müde von Konzeptpapieren. Wie viele Ideen soll ich noch schultern in dem Wissen um ihre Wirkungslosigkeit? Ich habe keine Kraft mehr für Papier, wenn die Hände fehlen, sie zu tragen.
Ich bin längst nicht mehr nur ein Ort des Lernens. Ich bin Verwaltungsapparat, Sozialstation, Seismograf für gesellschaftliche Erschütterungen. Was in der Gesellschaft aus dem Gleichgewicht gerät, schlägt bei mir besonders hart auf – auch bei meinen Freunden, den kleinen Landschulen, fern der Städte. Paradies ist auch dort leider nur noch eine Erinnerung aus alten Zeiten. Es schlägt auf, doch wir sind allein.
Meine Schulleitung kämpft sich durch Berge von Bürokratie, durch Anträge, Formulare, Konferenzen. Sie stemmt Unterrichtsverpflichtung von teilweise 20 Unterrichtstunden oder mehr. Weit mehr Stunden, als es das Schulgesetz als Mindestmaß vorsieht! Das Mindestmaß ist vier. Konrektorinnen und Konrektoren führen Klassen mit bis zu 27 Unterrichtsstunden – und sollen Rektorinnen und Rektoren unterstützen. Wie?
Förderstunden sind gestrichen. Die Kinder, die am dringendsten Unterstützung brauchen, haben die meisten Lücken. Und ich kann sie nicht mehr schließen. Und weil der Anspruch an Verlässlichkeit über allem steht – koste es, was es wolle – werden Klassen zusammengelegt, aufgeteilt, hin- und hergeschoben. Unterrichtssituationen, die man mit gutem Gewissen nicht mehr als kindgerecht bezeichnen kann. Oder als qualitativ hochwertig. Das erhöht den Frust im Kollegium. Denn der eigene Anspruch an sich als Lehrkraft ist hoch. Aber längst geht es nicht mehr um Qualität. Es geht um Notbetrieb, Mangelverwaltung. Und für viele Grundschullehrkräfte ist das ein Bruch mit dem eigenen pädagogischen Ethos. Und sie kommen trotzdem. Auch wenn sie krank sind. Weil sie wissen: Wenn sie fehlen, fällt alles. Ewig werden sie nicht durchhalten.
In Hessen haben 40 Grundschulen eine Überlastungsanzeige gestellt. Nicht aus Trotz, sondern aus Verzweiflung. In Baden-Württemberg wurden 1.440 Lehrerstellen aufgrund eines Systemfehlers „vergessen“ – mitten in einer Bildungskrise. Vergessen – genauso fühlt sich das an. Von den Entscheidungsträgern, die dann mal für eine Stunde bei mir vorbeikommen, und für ein Foto lächeln. Hinterher können sie dann sagen, sie haben ja schon soooo viele Grundschulen gesehen… gesehen? Sie sehen weg. Die Realität sehen und fühlen
sie nicht. Wie kann das sein? Wie soll ich so weiter funktionieren?
Ich frage nicht für mich. Ich frage für die Kinder. Für die, die noch nicht laut sprechen können. Die, die gerade erst anfangen, Buchstaben zu begreifen und ihre Welt zu verstehen. Ich frage für die Kollegien, für das, was Bildung eigentlich sein sollte: eine gemeinsame Aufgabe. Getragen von allen, nicht erdrückt auf den Schultern von wenigen. Diejenigen, die noch stehen, tragen das System. Aber sie tragen meine Mauern nicht mehr lange.
Wenn ich als Grundschule versage, versagt die Gesellschaft.
Wenn ich zusammenbreche, bricht mehr als nur eine Schule. Dann fallen auch die weiterführenden Schulen – denn ihre Fundamente ruhen auf meinen Schultern.
Nicht auf ihren eigenen.
Ich bin eine Grundschule. Und ich warne.
Laut. Deutlich. Jetzt.
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