Lederle spricht Klartext: Auf ein Neues!

Klartext

An gewisse Dinge im Leben gewöhnt man sich ja. Ich erinnere mich spontan an die letzte Behandlung bei meiner Zahnärztin. Da liegt man hilflos, mit weit offenem Mund, auf dem Behandlungsstuhl, die Geräte surren, es drückt und zieht im Mund – alles in allem eher unangenehm. Irgendwann beschließt man, sich nicht länger dagegen zu stemmen und nicht mehr zu zucken. Stattdessen denkt man nur noch: Auch das geht vorbei!

So ähnlich geht es mir auch jedes Schuljahresende. Die Termine überschlagen sich, Prüfungen und Zeugnisse, die Kids drehen am Rad, ihre Eltern tun es ihnen gleich und schwups: 1.500 Zeugnisunterschriften später ist das auch überstanden. Noch einige leichte Verwaltungstätigkeiten und dann nix wie ab in den Urlaub. Meine Frau setzt mir jedes Jahr die Pistole auf die Brust, indem sie immer gleich für das erste Ferienwochenende etwas bucht, sodass ich wirklich keine Ausrede finden kann, um dann doch noch mal ins Büro zu verschwinden. Wie bitter nötig ich das nach dem alljährlichen Weltuntergangsszenario am Schuljahresende habe, merke ich spätestens, wenn wir im Urlaub angekommen sind. Dann fasse ich mir auch immer gleich gute Vorsätze und sage mir selbst, dass es mir im nächsten Schuljahr anders gehen wird.

In der Tat ist es mir dieses Jahr anders gegangen. Getreu dem Motto „Schlimmer geht immer“ kam die Personalzuteilung deutlich später als gewohnt. Was zur Folge hatte, dass wir weder die Deputate fertig machen konnten noch irgendwelche Stundenpläne. Am meisten aber hat mich dann das saftige Minus überrascht. Das fiel bei uns so hoch aus, dass so manche kleine Schule angesichts der fehlenden Lehrkapazität hätte schließen müssen. Bei uns machte das in unserem Gesamtgefüge rund 10 % Differenz zur angestrebten 100%-Versorgung aus. Mindestens acht (!) volle Stellen würden wir benötigen, damit bei uns das stattfinden kann, was der Bildungsplan vorsieht. Mitten in diese Weltuntergangsstimmung platzte dann ein Schreiben meines Nachbargymnasiums, in dem der Schulleiter seine gute Personalversorgung feierte und ankündigte, eine ganz spezielle AG stattfinden zu lassen, von der auch unsere Schülerinnen und Schüler profitieren könnten. AG? Was bitte war noch mal eine AG? Das hatten wir schon seit Jahren nicht mehr. Aber gut, die Gymnasien sind ja landesweit mit deutlich mehr als 100 % Personal gesegnet und jetzt wächst auch noch G9 auf, was faktisch den Personalbestand der Gymnasien noch mal zumindest vorübergehend steigert. Immerhin sinkt ja dank G9 in Klassenstufe 5+6 bei denen die Unterrichtsverpflichtung.

Hauptsache der Finanzminister findet das nun notwendige Sparbuch unter seinem Kopfkissen und die Stellen werden zügig besetzt

Als die toxische Mischung aus totaler Erschöpfung am Schuljahresende und Unverständnis ob der anhaltend angespannten Personalsituation gerade neue Höhen erreichte, kommt auch noch ein Anruf aus Stuttgart, der mich ungläubig staunen lässt. Man habe mal eben 1.440 Lehrerstellen gefunden, die schon seit Jahrzehnten aufgrund eines Computerfehlers nicht besetzt wurden. Wäre der erste April gewesen, wäre meine Antwort sicher anders ausgefallen. Aber sei’s drum, denke ich so bei mir, jetzt gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Hauptsache, der Finanzminister findet das nun notwendige Sparbuch unter seinem Kopfkissen und die Stellen werden zügig besetzt. Gebrauchen können wir diese auf alle Fälle, und wo sie aus meiner Sicht am dringendsten gebraucht würden, habe ich meinem Gesprächspartner auch gleich mitgeteilt. Was man dann in Stuggi aber aus den 1.440 Stellen gemacht hat, ließ mich fast sprachlos zurück. Okay, man gibt ungefähr 450 Stellen an die SBBZ. Dass diese am schlechtesten versorgt sind, bestreitet wohl keiner mehr ernsthaft, der 3 für eine ungerade Zahl hält. Wo die Sonderpädagogen hierfür herkommen sollen, weiß ich zwar nicht, aber gut. Die Grundschulen erhalten 350 Stellen. Warum es dort immer noch keine Poolstunden zur Differenzierung gibt, verstehe ich bis heute nicht, bei der Heterogenität. Die 350 gehen voll okay, sind tenden-ziell aber angesichts der Vielzahl an Grundschulen auch eher ein erstes Tröpfle auf den ziemlich heißen Stein. Je 50 wandern an die RS und GMS. Die Gymnasien werden dann auch noch mit 50 Stellen bedacht. Gut, denke ich mir, Fachbedarf Informatik hätten wir in der Sek. I zwar auch und strukturell überversorgt sind die Gymnasien ohnehin. Ich wage mir kaum vorzustellen, was wäre, wenn ich an meiner Schule mit 104 % versorgt wäre und dann noch zusätzlichen Fachbedarf angemeldet hätte. Mein leider viel zu früh pensionierter Personaler am SSA hätte mich wahrscheinlich mit einem „Hast du Fieber?“ begrüßt und mir freundlich zu verstehen gegeben, dass ich jetzt mal lieber nicht weiterfragen solle, bevor er mir die 4 % ganz schnell an eine andere bedürftige Schule abordnen würde.

Ich lese weiter und dann „dätscht es mir doch fascht dä Nuggi uuse“, wie der Schweizer sagt. Die bekommen noch mal 300 Stellen, die sie erst mal für drei Jahre zu uns abordnen dürfen. Die Neueingestellten erhalten obendrein noch ein Rückkehrgarantie ins gelobte Land des Gymnasiums, wenn sie annehmen. Fehlt eigentlich nur noch eine Erschwerniszulage für das tiefe Tal der fachlichen Tränen, die sie an einer WRS, RS oder GMS vermutlich vergießen würden, um sie zu trocknen. Zustände, von denen unsere Neueinstellungen nur träumen können, wenn sie mal eben 7, 8 oder gar 10 Jahre in „schwer zu versorgenden Regionen“ zubringen müssen, bevor ein Versetzungsantrag auch nur mal in die Hand genommen wird. Kein Wunder nehmen diese Menschen zumindest bei uns in der Gegend dann eher einen Job in der Schweiz an, der neben einer besseren Bezahlung auch von der Hoffnung getragen wird, dass die Einstellungssituation am Wunschverwendungsort in absehbarer Zeit irgendwie schon besser sein wird. Viele von diesen jungen Lehrkräften bleiben dann dort hängen und sind somit ganz verloren. Mehr Stellen in den Mangelregionen bei uns werden somit auch nicht besetzt. Bravo! Die Gymnasien machen nicht einmal 10 % der Schulen im Land aus, sind sowieso schon strukturell sehr gut versorgt und erhalten dann mal eben über kurz oder lang 25 % der „im Computer gefundenen“ Stellen. Das nenne ich mal eine gerechte Verteilung und vor allem bedarfsorientierten Einsatz. Dass der Bedarf übrigens an den Gymnasien nicht am größten sein kann, ergibt sich gerade eben aus der Tatsache, dass 300 der 350 gymnasialen Stellen mal eben locker ausgeliehen werden können, ohne dort ein Loch zu reißen. Also, auf ein Neues im neuen Schuljahr! Die Arbeit beim VBE geht mir wohl nie aus.

Dirk Lederle, Schulleiter Johanniterschule Heitersheim, Stv. Landesvorsitzender