Lederle spricht Klartext: Sauregurkenzeit

Klartext

Herrlich. Sommerferien. In diesem Jahr habe ich mich tatsächlich drei Wochen komplett rausnehmen können. Eigentlich befürchte ich ja immer, dass mich nach so einer langen Zeit der Hammer trifft, wenn ich mich an meine E-Mails herantaste. Spätestens wenn ich die Poststelle unserer Schule öffne, ist das eigentlich auch so. Doch in diesem Jahr war irgendwie alles anders. Offensichtlich war auch die Gegenseite im Urlaub und hat es eher ruhiger angehen lassen. Das macht das Ankommen im Leben außerhalb des Urlaubs etwas leichter.

Mitten in dieses Gefühl der Urlaubverlängerung und des gechillten Wiederhochfahrens der Arbeitsleistung platzt eine Pressemeldung, die mir unser Senior-Consultant (aka umtriebiger Pensionär und ehemaliger Landesbezirksvorsitzender) weitergeleitet hat. Sie war zwar kurz, aber nicht minder heftig. Offenbar hatte hier jemand die mediale Sauregurkenzeit dazu genutzt, gute Ideen unters Volk zu bringen: Es müssten mehr Lehrer zurück ins Klassenzimmer. Nun ist es ja inzwischen mediales Allgemeingut, dass der Fachkräftemangel vor keiner Branche haltmacht. Egal ob Handwerk, Industrie, Gesundheitswesen oder Dienstleitungsbranche, es gibt kaum ein Berufsbild, in dem nicht über zu wenige Menschen, die hier tätig sein wollen, geklagt wird. Das macht natürlich auch vor uns Lehrkräften nicht halt. Dessen ist man sich in Stuttgart wohl bewusst. Im Kultusministerium hat man sich mit Hochdruck der Lage angenommen und macht inzwischen vieles möglich, was vor fünf Jahren noch undenkbar war.

Bei all den Quer- und Seiteneinsteigerprogrammen, den Personen ohne Lehrbefähigung (kurz POL genannt), die sich an den Schulen auch in Baden-Württemberg tummeln, wird es inzwischen schon echt schwierig, den Überblick zu behalten. Immerhin haben alleine dieses Jahr rund 400 Quereinsteiger den Dienst aufgenommen. So hat man es geschafft, dass in diesem Jahr nur noch 250 Stellen zu Beginn des Schuljahres unbesetzt waren. Das klingt immer noch nicht wenig, ist aber im Vergleich zu den Vorjahren ein deutlicher Fortschritt. Das war zwar schon fast ein Lob, ich weiß. Aber ich wollte es bewusst mal nicht so machen wie meine Oma. Die pflegte immer zu sagen: „Nit g’motz isch schon g’nug g’lobt.“ Also, ohne Umschweife: Wir können froh sein, dass diese Menschen sich der Herausforderung Schule stellen. Es wundern mich nur zwei Dinge:

Warum lässt man diese Menschen ohne ausreichende und vor allem bezahlte Vorqualifikation ins Klassenzimmer? Wie will man diesen Menschen berufsbegleitend gerecht werden und für eine qualitativ hochwertige Nachqualifikation sorgen?

Dennoch ist ein Mangel ein Mangel und auch 250 fehlende Lehrkräfte reißen ein Loch. Vor allem, wenn der Mangel sich auch noch asymmetrisch verteilt und in den Mangelregionen des Landes immer noch nicht genügend Lehrkräfte ankommen. Kommen dann noch langfristige Ausfälle dazu, egal wo, wird es noch enger. Denn Fachpersonal als Ersatz entwickelt sich immer mehr zur Utopie. Um diesen Mangel zu schließen braucht es kreative Ideen und so dachte sich ein Nichtkultuspolitiker offensichtlich, dass er eine gute Idee habe, wenn er eben mal fordert, dass mehr Lehrkräfte zurück ins Klassenzimmer gehören würden. Seiner Meinung nach trieben sich viel zu viele Lehrkräfte in Bereichen rum, die nichts mit Schule zu tun hätten. Gemeint hat er die seiner Meinung nach viel zu vielen Lehrkräfte, die sich landauf, landab geradezu überproportional in den Personalvertretungen tummeln würden. Also die Menschen, die für die Interessen der Beschäftigten eintreten, sich um ihre persönlichen Belange kümmern und schauen, dass so manch ein Projektle aus Stuggi sich in leistbare und sinnvolle Bahnen lenken lässt.

Manche Ideen entpuppen sich als sehr unglückliche Signale

Ob diese Idee gerade in Zeiten der heftigen Umwälzungen und Reformprozesse an allen Schularten ein glückliches Signal an die Beschäftigten ist, darf man sicher getrost hinterfragen. Ob es dann noch tatsächlich nennenswerte Lehrkapazitäten freisetzt, ist eine zweite Frage, die ebenfalls unbeantwortet bleibt. Populär ist der Vorschlag aber auf alle Fälle. Ich sehe vor meinem geistigen Auge nicht gerade wenige Stammtische, die nicht nur beipflichtend nicken, sondern heimlich wohl eher die „Drückeberger“ hämisch belächeln. Also endlich mal wieder etwas arbeiten. Obwohl aus deren Sicht Arbeit und Lehrer zwei Begriffe sind, die sich nur eingeschränkt kombinieren lassen. Von wegen morgens recht und mittags frei.

Ich hätte da noch einen „richtig guten Vorschlag“. Wie wäre es denn mit dem ZSL (Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung)? Das wird ja schon mal gerne von nicht gerade wenigen Experten aus dem Bildungsbereich gelegentlich auch als „Ressourcengrab“ bezeichnet. Oder wie wäre es mit den Schulämtern und Regierungspräsidien, vielleicht sogar dem KM, an denen sich nicht gerade wenige ehemalige Lehrkräfte befinden, die dort Aufgaben auch im pädagogischen oder Verwaltungsbereich wahrnehmen. Hätte man dort eine Mindestunterrichtsverpflichtung, wie bei Schulleitungen, dann wäre der Mangel voraussichtlich weniger groß. Obendrein könnten diese Menschen mit einem positiven Vorbild vorangehen und zeigen, dass sie tatsächlich Kenntnis von den aktuellen Herausforderungen an den Schulen haben und so einen wichtigen Beitrag zu einer zeitgemäßen Schul- und Unterrichtsentwicklung leisten. Das wäre doch mal was! Vielleicht halt für die nächste Sauregurkenzeit. Weihnachten kommt bestimmt. Nur so als Idee.

Dirk Lederle

Schulleiter Johanniterschule Heitersheim, stellvertretender VBE-Landesvorsitzender