Lederle spricht Klartext: Überfallkommando rückt an

Klartext

Es ist ein launiger Abend in den Herbstferien. Die Freundin meiner Frau ist mit einem Überfallkommando aka ihrer Familie bei uns. Fünf Kids, die zu Hause rumtoben, das hat schon etwas von Kindergeburtstag, obwohl wir den unseres Mittleren gerade erst rumhaben. Dennoch schätze ich es sehr, wenn wir Zeit miteinander verbringen. Vor allem weil es uns im Regelfall gelingt, selbst wenn drei von vier Menschen am Tisch Lehrkräfte sind, uns abseits von Schule zu unterhalten und ernsthaft Dinge zu diskutieren. Manchmal sehr tiefgründig und manchmal auch mit Humor, fast kabarettartig. 

Überhaupt ist die Freundin meiner Frau so ein Beispiel des schulischen Wandels unseres Bildungssystems. Als ehemalige GHS-Lehrerin zuerst an einer Hauptschule tätig, dann auch mal an einer Grundschule und über eine Gemeinschaftsschule (mit horizontalem Laufbahnwechsel) schließlich an eine Realschule versetzt. „Es sind nur noch sieben Wochen bis Weihnachten!“, wirft sie plötzlich und unvermittelt in die Runde. Ihr Mann zuckt nicht mal, meine Frau bekommt große Augen und ich? Jetzt ist Weihnachten so ein Wort, das mir nicht nur wegen unseres gescheiterten Experiments des Hektik-Fastens vom letzten Jahr das Haupthaar zu Berge stehen lässt. Mir entfährt deshalb ein leicht verzweifelter Seufzer. Der Tisch blickt mich an. „Na, dann fangen sie alle wieder an zu spinnen und die § 90-Fälle erreichen einen vorläufigen Peak“, füge ich erklärend hinzu. Ihr Mann zuckt mit den Schultern: „§ was?“ Wir erklären und meine Frau meint, dass das wohl wieder so ein Sekundarstufen-Ding sei. Die restlichen Lehrkräfte am Tisch widersprechen und ich werfe ihr so den einen oder anderen Fall aus meiner Grundschule und ihrer Schule um die Ohren. „Gefühlt hat das doch inzwischen Dimensionen erreicht, die es früher nicht gab“, meint meine Frau. Ich zucke, bei „früher“ läuft bei mir reflexartig so ein Automatismus ab, und antworte dann: „Früher war nicht alles besser, aber anders bestimmt!“ Ich bin da immer versucht, die subjektive Empfindung durch Daten zu hinterfragen. Das habe ich auch in dem Fall schon gemacht und kontere mit: „2 %! Seit Jahren stabil“. Fragende Blicke. Ich erkläre, dass die Quote derer, bei denen normale pädagogische Maßnahmen nicht genügen, sondern wir bei uns zu Ordnungsmaßnahmen schreiten müssen, seit 12 Jahren relativ stabil eben bei 2 % liegt. 98 % laufen also mehr oder minder konfliktfrei durch die Schule.

„Irgendwer sorgt sicher dafür, dass Lücken in meinem Terminplan zur bedrohten Spezies mutieren…“

Mit der Vorweihnachtszeit verbinde ich vor allem sehr viel Arbeit. Gefühlt wandern wir permanent von einer Dienstbesprechung (gerne inzwischen auch virtuell) zur nächsten Konferenz oder dem nächsten Fachtag. Da steht die Statistik an, die auch durch die allgemeine Schulverwaltungssoftware nicht einfacher wurde. Personal muss her, denn leider fällt irgendwer halt doch längerfristig aus oder eine Kollegin wird erfreulicherweise schwanger. Der Elternbeirat will informiert werden, der Schulträger ruft zu Haushaltsverhandlungen bzw. weiteren Gesprächen und dann kommt da noch der ganz normale Wahnsinn des Alltagsgeschäfts hinzu. Mit anderen Worten: Irgendwer sorgt sicher dafür, dass Lücken in meinem Terminplan zur bedrohten Spezies mutieren oder gar nicht mehr zu finden sind. Also dieses Jahr bin ich extrem froh darüber, dass wir schon am 19.12. durch sind, ich mich dann auf die Feiertage einrichten und in Ruhe reinen Tisch im Büro machen kann. 

„Was früher ein schmaler Ordner war – sind jetzt drei dicke Ordner.“

Was definitiv anders ist als früher, ist das mit den Nachteilsausgleichen bei der Schülerschaft. Früher war das Thema relativ schnell erledigt. Mir genügte ein schmaler Ordner, in dem wir die Gutachten nebst verfügten Nachteilsausgleichen aufbewahrten. Inzwischen habe ich drei dicke Ordner voll und wir benötigen für die Klassenkonferenzen mindestens zwei Zeitfenster, weil wir sonst schlicht nicht durchkommen. Wir besprechen fast 120 Fälle pro Jahr. Das sind mehr als 10 % unserer Kids an der Schule. Das ist ein satter Anstieg um mehr als 120 % innerhalb der letzten 10 Jahre. Wenn sich nur mal mein Kontostand so entwickeln würde. „Also bei uns im oberschwäbischen Outback, mit der geringen Facharztdichte, ist das kein so riesiges Thema“, meint die Freundin meiner Frau trocken. Tatsächlich korreliert ja die Befundhäufigkeit von AD(H)S, LRS oder Dyskalkulie irgendwie schon mit der Facharztdichte. Optimisten würden hier sicher „zum Glück“ sagen, da sonst sehr viele Menschen sozusagen unentdeckt durchrutschen würden. Mir fällt da ganz spontan Eckart von Hirschhausen ein, der sinngemäß einmal sagte, dass es keine gesunden Menschen gäbe, sondern nur Patienten, die nicht gründlich genug untersucht wurden. Pessimisten würden an gleicher Stelle vielleicht mit einem „Gott sei Dank“ antworten. Nach deren Meinung liefert dies eher eine einfache gottgegebene Erklärung dafür, dass weder die Eltern etwas falsch gemacht haben, noch das Kind an irgendetwas schuld wäre oder sich vielleicht einfach mal mehr anstrengen sollte. Ich bin da eher etwas schwankend, denn Kinder, die offensichtlich ein Bündel zu tragen haben, gibt es leider immer mehr. Ob dies dann tatsächlich pathologisch bedingt ist oder dann doch eher im überbordenden Medienkonsum, mangelnder Zusprache seitens der Eltern oder seltsamen Ernährungsgewohnheiten zu suchen ist, vermag ich nicht trennscharf zu beurteilen. 

Dass das mit der Ernährung nicht so ganz von der Hand zu weisen ist, merken wir übrigens gerade eben wieder. Das Überfallkommando in Form der fünf Kids rückt ziemlich lautstark und wild an. Voll auf Zucker, Halloween sei Dank. Auch so ein neuartiger Trend. Ich glaube, eine Runde Fußball auf dem Bolzplatz, ordentlich Sauerstoff und nur Wasser zu trinken wäre bestimmt nicht verkehrt, sonst winkt womöglich doch die ADHS-Diagnose.

Dirk Lederle, Stv. VBE-Landesvorsitzender