Haben Sie eigentlich schon einmal in Ihren Klassen so rumgefragt, wer noch Fernsehen schaut? Also präziser gesagt: das Fernsehprogramm? Als ich meinen 10ern neulich die Frage gestellt habe, gingen vier Hände nach oben. Die restlichen 20 gaben an, eher Inhalte diverser Art zu streamen. Noch düsterer wurde das Bild, als ich dann noch gefragt habe, ob im Haushalt eine Zeitung (egal ob digital oder analog) abonniert wäre. Auch hier gaben die Kids an, sich eher Nachrichten aus den sozialen Medien zu besorgen. Ich habe mir dann noch den Spaß gegönnt, im Kollegium herumzufragen.
Da wurden die Zahlen zwar etwas besser für die traditionellen Medien, aber so wirklich beruhigend waren sie dann doch nicht. Vor allem bei den Jüngeren. Eine junge Kollegin meinte nur ganz trocken: „Sie sind halt doch vielleicht ein wenig oldschool, Chef.“ Auch eine nicht sehr einfühlsame Art, mir mitzuteilen, dass ich offenkundig doch schon ein paar Jahre auf dem Buckel habe. Danke. Wahrscheinlich ist sie die Schwester meiner Augenärztin, die neulich „für Ihr Alter ist das nicht schlecht“ zu mir sagte. Auch danke dafür!
Morgens? Blick in die Zeitung! Rituale müssen gepflegt werden.
Dabei liebe ich den Blick in die Zeitung. Das gehört schon seit Jahren zu meinen geliebten Morgenritualen. Wo erfährt man denn sonst, was so um einen herum los ist? Wer hat ein neues Löschfahrzeug bekommen? Worüber diskutiert man heftig in welchem Gemeinderat? Welche Straße wird demnächst wegen Bauarbeiten gesperrt? Und viele Themen mehr. Bei meiner Lektüre des Lokalteils fiel mir neulich eine Meldung auf. Der Gemeinderat einer Nachbargemeinde billigte 9.000 € für die Erstellung eines Schulwegeplans durch eine Fachfirma. Chapeau, dachte ich bei mir. Das kostet also so ein Plan für eine kleine Grundschule, deren Kinder nur aus einem Ort kommen. Ich mag mir kaum ausmalen, was das für meine Schule und deren recht großen Einzugsbereich kosten würde. Aber mit 9.000 € wäre ich da wohl nicht dabei. Nicht dass das nicht sinnvoll wäre, aber macht sich eigentlich jemand solche Gedanken, wenn er oder sie irgendwas in Stuggi entscheidet? Vor allem fragt man sich, wer überhaupt in der Lage ist, solche Dinge zu erstellen. Bei mir scheitert das wahrscheinlich schon daran, von allen betroffenen Gemeinden entsprechendes Kartenmaterial zu bekommen. „Wieder einmal so eine Super-Idee!“, denke ich bei mir. Eine von vielen gut gemeinten, aber offenkundig nicht zu Ende gedachten Ideen, die uns an den Schulen zurzeit so heftig beschäftigen. Kostprobe gefällig? Die Leseförderkonzeption, die Lernverlaufsdiagnostik, die neuen Bildungspläne, der Rechtschreibe – und Grammatikrahmen, der Ausbau des Ganztags, Sprachfit, die Juniorklassen, NAVI 4, usw. Alles in allem sehr sinnvoll, aber die schiere Masse ist schon unglaublich.
Da fallen mir auch noch die Bedeutungswörterbücher ein. Haben Sie schon welche bei Ihnen? Nein? Vermutlich liegt das daran, weil sie im Moment vergriffen sind und erst nachgedruckt werden müssen. „Wahrscheinlich knallen die Champagnerkorken heute immer noch beim Marktführer, als der von der Entscheidung in BaWü gehört hat“, meinte ein Schulleitungskollege einer anderen Schule neulich recht trocken. Zusätzliches Geld dafür gibt es selbstverständlich nicht, ungeachtet der angespannten Finanzlage in so mancher Kommune.
Uns jedenfalls kostet das jetzt 5.000 €, die ich nun irgendwie in unserem Haushalt „finden“ darf.
Und finden darf ich auch das Geld für den Bus, den unsere Kids für den Transport ins nächste Hallenbad brauchen, weil das mit dem Freibad bei uns halt so eine Sache ist. Vom Bus zur Radfahrausbildung ganz zu schweigen oder dem Geld für die neuen Biologiebücher, die wir benötigen, weil BNT ja zum kommenden Schuljahr Geschichte ist. Oder nehmen wir den Bereich Digitalisierung und vor allem die Betreuung der digitalen Infrastruktur. Nicht nur, dass die Schulen mit viel zu wenigen Anrechnungsstunden für Lehrkräfte, die sich darum kümmern, ausgestattet sind. Das Geld, die das Troubleshooting des Digital-Klimbims kostet, ist schon der Hammer. Bei uns sind das jährlich mehr als 20.000 €.
Allgemeiner Trend: Schule wird mit gesellschaftlichen Aufgaben überhäuft
Überhaupt scheint es der allgemeine Trend zu sein, Schule mit gesellschaftlichen Aufgaben zu überhäufen, ohne über die notwendigen Ressourcen für die Schulen nachzudenken. Selbstverständlich sollen die Kids ja auch noch Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, auch wenn die Zeit dafür immer knapper wird vor lauter Projektleritis. Wir kümmern uns ganz selbstverständlich ums sichere Radfahren, natürlich auch um das Schwimmen, obwohl immer mehr Bäder dichtmachen, oder um die Medienerziehung der Kids, ohne dass ich mich daran erinnern kann, denen das Handy gekauft zu haben, mit dem sie sich nur allzu oft völlig uneingeschränkt in der großen bunten Welt des World Wide Webs tummeln dürfen. Selbstverständlich kümmern wir uns auch um die gesunde Ernährung oder die Geschlechtserziehung. Wo bleibt hier eigentlich die Verantwortung der Eltern und deren Beschäftigung mit deren Kids? Merken Sie da was vom gemeinsamen Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule mit den Eltern? Den nehmen viele ja zum Glück wahr, aber es gibt halt auch diejenigen, die höchstens völlig empört und gerne auch mit Rechtsbeistand aufkreuzen, um das von einer Lehrkraft eingezogene Handy des Nachwuchses zurückzufordern und sowieso die Validität der Schulordnung anzuzweifeln, die genau das im Missbrauchsfall festlegt. Was der eigene Sprössling damit getrieben hat, interessiert dabei nicht. Auch so ein Klassiker der Einmischung gepaart mit Empörung auf Elternseite ist das mit der Geschlechtserziehung. Da wird die Schule gerne mal für nicht zuständig bei der Geschlechtserziehung vor allem im Bereich Diversität gehalten. Einmischen funktioniert bei dieser Elterngruppe klasse, wirklich Verantwortung zu übernehmen oder gar die Schule zu unterstützen leider nicht bei allen. Aber wahrscheinlich wäre das halt auch wieder mal ein bisschen oldschool, wenn man das fordert.

Dirk Lederle, Schulleiter Johanniterschule Heitersheim, Stv. Landesvorsitzender
