Inklusion ist längst gesetzlich verankert, doch Baden-Württembergs Schulen fehlt es weiterhin an tragfähigen Strukturen. Die Ergebnisse der aktuellen, repräsentativen forsa-Umfrage im Auftrag des VBE (Verband Bildung und Erziehung), an der 500 Lehrkräfte aus Baden-Württemberg teilgenommen haben, zeichnen ein deutliches Bild: Lehrkräfte befürworten die Idee der Inklusion mehrheitlich – fühlen sich im Schulalltag aber häufig überlastet und durch die bestehenden Strukturen nicht ausreichend unterstützt.
„Inklusion funktioniert nicht von allein. Wenn die Strukturen fehlen, wird aus einem pädagogischen Ideal schnell eine tägliche Überforderung – für Kinder wie für Lehrkräfte“, kritisiert Gerhard Brand, Landesvorsitzender des VBE Baden-Württemberg.
Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren bleiben unverzichtbar
Besonders aussagekräftig: 74 Prozent der Lehrkräfte sprechen sich für die Unterrichtung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf an speziellen Förderschulen aus. Auch sieben von zehn Lehrkräften (70 Prozent), die selbst bereits inklusiv unterrichten, sprechen sich dafür aus. Diese Haltung ist keine Ablehnung der Idee der Inklusion, sondern das Ergebnis praktischer Erfahrung im Schulalltag. „Inklusion heißt nicht, die Realität zu ignorieren. Es gibt Kinder, die in kleinen Gruppen und spezialisierten Einrichtungen besser gefördert werden – darauf hinzuweisen, muss erlaubt bleiben. Alles andere wäre ideologisch und letztlich den Kindern gegenüber ungerecht“, mahnt Brand.
Demnach erleben gerade Grundschullehrkräfte die zusätzliche Herausforderung durch sonderpädagogische Förderbedarfe als belastend, wenn die oftmals ohnehin sehr heterogene Klassen auf sonderpädagogische Förderbedarfe treffen.
Wunschtraum Barrierefreiheit
Auch wenn Fortschritte erkennbar sind: Die Barrierefreiheit an vielen Schulen bleibt lückenhaft und stellt eine große Hürde dar. Vier von 10 Lehrkräften (43 Prozent) berichten, dass ihre Schule baulich nicht barrierefrei ist, bei den Grundschulen ist es sogar jede zweite Lehrkraft (53 Prozent). Selbst an Schulen mit inklusiven Klassen gibt mehr als 38 Prozent der Lehrkräfte an, dass Zugänglichkeit nicht gegeben ist. Der VBE-Vorsitzende Brand verdeutlicht: „Barrierefreiheit in Schulen bedeutet weit mehr als nur rollstuhlgerechte Zugänge und Aufzüge. Schulgebäude müssen so gestaltet sein, dass sie den unterschiedlichen Bedürfnissen aller Kinder gerecht werden – von motorischen Einschränkungen bis hin zu sensorischen und neurodiversen Anforderungen wie bei autistischen Kindern. Nur so wird echte Teilhabe im inklusiven Unterricht möglich“.
Neben baulichen Mängeln stellt vor allem die Größe der Klassen eine Herausforderung für die inklusive Beschulung dar: Inklusive Klassen sind im Schnitt genauso groß wie nicht-inklusive – die Klassengröße liegt inzwischen bei durchschnittlich 20 Schülerinnen und Schülern. Acht von zehn Lehrkräften (77 Prozent) bestätigen, dass sich die Klassengröße zwischen nicht-inklusiven und inklusiven Klassen nicht unterscheidet – eine Differenzierung nach Förderbedarf wird dadurch erschwert.
Massive Defizite bei Fortbildungen und Multiprofessionellen Teams
Sowohl in der Lehrkräfteausbildung als auch in der Fortbildung bestehen im Bereich Inklusion erhebliche Defizite: Die Zahl der inklusiv unterrichtenden Lehrkräfte, die von sich sagen, über fundierte sonderpädagogische Kenntnisse zu verfügen, hat sich seit 2015 von 25 auf 12 Prozent halbiert. Außerdem berichten 76 Prozent der Lehrkräfte, dass Inklusion in ihrer Ausbildung keine Rolle gespielt habe. Ein Drittel der befragten Lehrkräfte (30 Prozent) gaben an, an keiner Fortbildung zum Thema Inklusion teilgenommen zu haben, weitere 47 Prozent nur unregelmäßig oder eingeschränkt. „Ein Kind mit speziellem Förderbedarf in der Klasse zu haben, bedeutet ein komplett anderes Anforderungsprofil. Wer das nicht berücksichtigt, nimmt bewusst Überlastung in Kauf“, betont Gerhard Brand.
Besonders problematisch ist, dass an rund 60 Prozent der Schulen keine multiprofessionellen Teams im Einsatz sind – diese sind ein entscheidender Faktor für individuell abgestimmte Förderung. Nur jede fünfte Lehrkraft (21 Prozent) berichtet von durchgängiger Unterstützung im Schulalltag durch ein solches Fachpersonal, zehn Prozent arbeiten sogar ganz ohne jede externe Hilfe. Brand kritisiert: „Diese unzureichende Unterstützung macht echte, individuelle Förderung praktisch unmöglich. Lehrkräfte mit dieser Last allein zu lassen, ist nicht nur ineffizient – es ist unverantwortlich“.
Digitalisierung bietet Chancen – aber die Ausstattung fehlt
Auch im Bereich der digitalen Infrastruktur zeigt sich ein ernüchterndes Bild: Nur 18 Prozent der Schulen verfügen über voll ausgestattete Klassensätze mit digitalen Endgeräten. An 75 Prozent der Schulen gibt es eine digitale Ausstattung nicht für alle Klassen, sechs Prozent stehen gar keine Klassensätze an digitalen Lernmitteln zur Verfügung. „Digitale Medien bieten große Chancen für die individuelle Förderung – besonders in inklusiven Klassen. Doch viele Schulen haben bislang keinen flächendeckenden Zugang zu entsprechender Ausstattung. Das bremst das Potenzial digitaler Werkzeuge im Schulalltag“, betont Brand.
Fazit: Für Inklusion braucht es mehr als guten Willen – unsere Forderungen an die Politik
Die VBE-Umfrage unter Lehrkräften zum Stand der Inklusion an unseren Schulen zeigt deutlich, dass Inklusion in Baden-Württemberg trotz breiter Zustimmung vonseiten der Lehrerinnen und Lehrer an fehlenden Strukturen, unzureichender Ausstattung und mangelnder Unterstützung scheitert. „Wir fordern eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen“, so VBE-Vorsitzender Brand. Derzeit sei die inklusive Beschulung in vielen Fällen weder kindgerecht noch praktikabel für die Lehrkräfte. „Wenn die Politik weiterhin den Ist-Zustand schönredet, dann lässt sie nicht nur die Lehrkräfte im Stich – sie verspielt auch das Vertrauen in die Idee der Inklusion selbst. Und die Leidtragenden sind am Ende die Kinder.“
Forderungen:
- Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren müssen zwingend erhalten bleiben und mit allen notwendigen Ressourcen ausgestattet werden, die ein Arbeiten auf hohem Niveau erforderlich machen. Auch der Lehramts-Studiengang Sonderpädagogik muss zwingend erhalten werden.
- Die Verantwortung für die Beschulung von Kindern mit sonderpädagogischen Bildungsbedarfen muss weiterhin bei den Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen liegen. In inklusiven Klassen fordern wir eine bedarfsgerechte Doppelbesetzung, orientiert an den Bedürfnissen der Kinder.
- Lehrkräfte, die in inklusiven Settings tätig sind, sollten im Vorfeld umfassend, qualitativ hochwertig und nachhaltig fortgebildet werden, um optimal auf die anspruchsvollen Herausforderungen ihrer Aufgabe vorbereitet zu sein. Dafür und für viele Koordinierungsgespräche und Abstimmungsprozesse braucht es feste Anrechnungsstunden.
- Bei inklusiver Beschulung muss die Klassengröße reduziert werden und darf 20 Schülerinnen und Schüler nicht überschreiten. Die Unterstützung im inklusiven Unterricht sollte zudem individuell an Art und Schwere der Behinderung angepasst werden.
- Schulen mit inklusiven Klassen müssen barrierefrei gestaltet sein und durch multiprofessionelle Teams flächendeckend unterstützt werden.
Weitere Infos
forsa-Bericht zur Inklusion an Schulen: 2025-05-07_Bericht_forsa-Inklusion_Ba-Wue
forsa-Charts zur Inklusion an Schulen: Präsentation_ Inklusion-an-Schulen_Baden-Wuerttemberg
Sprechzettel Gerhard Brand: Redetext Gerhard Brand_Inklusion Umfrage 2025
