DKLK-Studie 2025: Personalmangel verhindert Naturerlebnisse in Kitas

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„Motorik, Wohlbefinden, Umweltwissen, Kreativität, eine höhere Konzentration und ein verbessertes Spiel- und Sozialverhalten. Kitaleitungen erleben durch die pädagogische Arbeit in der Natur vielfältige Vorteile für die Kinder. Regelmäßige Naturerfahrungen fördern nicht nur die Gesundheit, sondern stärken auch die Entwicklung in wichtigen Bildungsbereichen. Doch Personalnot, mangelnde Qualifizierung und fehlende strukturelle Unterstützung lassen dies oft nicht zu“, erklärt der VBE-Vorsitzende Gerhard Brand.

 

1.054 Leitungskräfte an Kitas haben in Baden-Württemberg von Oktober 2024 bis Januar 2025 an der repräsentativen DKLK-Studie 2025 teilgenommen. Sie haben unter anderem Fragen zur Berufszufriedenheit, zum Fachkräftemangel und dem diesjährigen Schwerpunktthema „Natur und Kita“ beantwortet. Der VBE hat die Studie gemeinsam mit Fleet Education unter wissenschaftlicher Leitung von Herrn Dr. Andy Schieler von der Hochschule Koblenz durchgeführt.

Kitaleitung: Hohe Berufszufriedenheit trotz fehlender Unterstützung

86 Prozent der befragten Kitaleitungen in Baden-Württemberg üben ihren Beruf alles in allem gerne aus, dennoch würden ihn derzeit vier von zehn Leitungskräften (43 Prozent) nicht weiterempfehlen. „Viele Kitaleitungen befinden sich im Zwiespalt. Einerseits erfahren sie große Wertschätzung von Kindern, Mitarbeitenden und Eltern. Andererseits fühlen sie sich bei ihrer Arbeit seitens der Politik nicht ausreichend anerkannt und unterstützt“, erklärt Brand.

Ein zentrales Problemfeld bleibt die fehlende Leitungszeit. Jede zweite Kitaleitung gibt an, mehr als 60 Prozent der eigenen Arbeitszeit für Leitungsaufgaben aufwenden zu müssen. Gleichzeitig steht aber nur jeder vierten Leitungskraft (27 Prozent) dieser Umfang an Leitungszeit auch vertraglich zu. Insgesamt berichten zwei Drittel der Befragten (65 Prozent), dass die tatsächlich benötigte Leitungszeit über der vertraglich festgelegten liegt. Sechs Prozent der Kitaleitungen verfügen über gar keine vertraglich geregelte Leitungszeit. „Die Zahlen sind seit Jahren weitgehend unverändert und weisen auf eine anhaltende strukturelle Überlastung der Leitungskräfte und eine Ignoranz der Arbeitgeber hin“, so Brand.

Entwicklung des Arbeitsmarktes bleibt kritisch

Eine Entspannung auf dem Arbeitsmarkt nehmen aktuell nur knapp zwei Prozent der Kitaleitungen wahr. Ein gutes Drittel (37 Prozent) berichtet dagegen, dass die Situation unverändert angespannt ist. Und sechs von zehn Kitaleitungen (62 Prozent) berichten, dass die Lage sich in den letzten zwölf Monaten nochmals verschärft hat – immerhin: Vor einem Jahr sagten dies noch acht von zehn Kitaleitungen. „Besonders in ländlichen Regionen oder Ballungsräumen mit angespanntem Wohnungsmarkt bleiben Stellen monate- oder jahrelang unbesetzt“, ordnet der VBE-Vorsitzende die Ergebnisse ein.

Arbeit unter Gefährdung der Aufsichtspflicht und eigenen Gesundheit

Fast jede zweite Kitleitung (45 Prozent) berichtet, dass die eigene Kita infolge des Personalmangels in letzten zwölf Monaten in mehr als 20 Prozent der Zeit unter Gefährdung der Aufsichtspflicht arbeiten musste. Bei jeder vierten Kita (25 Prozent) war dies sogar in über 40 Prozent der Zeit und bei jeder zehnten Kita (12 Prozent) in über 60 Prozent der Zeit der Fall. Die berichtete Fachkraft-Kind-Relation ist im U3-Bereich (Mittelwert=1:4,5) bei 72 Prozent und im Ü3-Bereich (Mittelwert=1:10,4) bei 75 Prozent der Kitaleitungen schlechter als wissenschaftlich empfohlen (Empfehlung: U3-Bereich: 1:3, Ü3-Bereich: 1:7,5). Die Zahlen sind vergleichbar zum Vorjahr. Erneut berichten fast alle Kitaleitungen (96 Prozent), dass die aktuell hohe Arbeitsbelastung zu höheren Fehlzeiten und mehr Krankschreibungen führen.

Gerhard Brand: „In vielen Kitas hat sich längst ein neues ‚Normal‘ eingeschlichen. Die Gruppenbesetzung ist ein tägliches Puzzle. Erzieherinnen und Erzieher haben keine Zeit mehr für pädagogische Qualität, sondern arbeiten nur noch, um den Tag irgendwie rumzubringen. Solange der Anspruch auf Betreuung mit der Brechstange durchgesetzt wird, leidet das System der frühkindlichen Bildung an seiner eigenen Überlastung. Es ist Zeit für ein ehrliches Monitoring des Fachkräftebedarfs und eine qualitätsorientierte Steuerung durch Länder und Kommunen, die auch Kapazitätsgrenzen anerkennt.“

Schwerpunkt: Natur und Kitas im Einklang?

Drei von vier Kitaleitungen (76 Prozent) sagen, dass Kinder die Natur den Kita-Räumen vorziehen. Die Kitaleitungen erleben durch die pädagogische Arbeit in der Natur vielfältige Vorteile für die Kinder – insbesondere in den Bereichen Motorik (93 Prozent), Gesundheit (81 Prozent), Wohlbefinden (78 Prozent), Umweltbewusstsein (77 Prozent) und Selbstwahrnehmung (74 Prozent). Zwei Drittel sehen außerdem eine Verbesserung der Kreativität, des Spielverhaltens und des Sozialverhaltens. Mehrheitlich berichten die Befragten auch von Vorteilen für die Konzentration und die Eigenverantwortlichkeit. Und vier von zehn Kitaleitungen sagen, dass durch den anderen Erfahrungsraum auch die Sprachentwicklung und Lernfreude gefördert werden. Auch für die pädagogischen Fachkräfte selbst sehen die Befragten viele Vorteile: Gesundheit, geringere Lärmbelastung und Entlastung durch das geänderte Verhalten der Kinder.

Ungeachtet der vielen Vorteile suchen vier von zehn Kitas (43 Prozent) höchstens einmal in zwei Wochen mit den Kindern einen Naturraum wie Wald, Wiese oder Park auf – jede dritte Kita (34 Prozent) sogar nur einmal im Monat oder noch seltener. An jeweils gut der Hälfte der befragten Einrichtungen fehlt es an einem Konzept für die pädagogische Arbeit in der Natur sowie an Mitarbeitenden, die speziell dafür qualifiziert sind.

Die größte Hürde, um mit den Kindern häufiger in die Natur gehen zu können, ist der Personalmangel (66 Prozent). Teilweise scheitert es aber auch am Willen der pädagogischen Fachkräfte oder an einer angemessenen Kleidung der Kinder – dies sagt jeweils etwa die Hälfte der Befragten. Ein weiteres Drittel gibt an, dass es an einem niederschwelligen Zugang zum Naturraum scheitert.

Brand: „Regelmäßige Naturerfahrungen sind für die Entwicklung von Kleinkindern elementar. Der VBE macht hier auf ein Entwicklungsfeld aufmerksam, dass für die Kinder und Beschäftigten in den Kitas eine große Chance sein kann. Wir fordern von Politik, Kommunen und Trägern, Naturerfahrungen nicht als Luxus, sondern essenziell für die gesunde Entwicklung von Kindern anzusehen. Naturnahe Außengelände und ein niedrigschwelliger Zugang zu Naturflächen müssen entsprechend gefördert werden. Bei der Kleidung können auch die Eltern mehr unterstützen. Dabei geht es nicht um teure Markenklamotten, adäquate Matschhosen und eine Mütze gibt es auch beim Discounter.“

Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen an Kitas
  • Verlässliche Fachkräftebedarfsplanung: Statt Krisenmodus und Reaktion auf Notlagen muss eine vorausschauende Steuerung auf Basis belastbarer Zahlen erfolgen.
  • Finanzielle Priorisierung frühkindlicher Bildung: Kita-Ausbau darf nicht allein baulich gedacht werden – Personalstellen, Ausbildungskapazitäten und Qualifizierung müssen gleichrangig behandelt werden.
  • Attraktivität des Berufs gezielt fördern: Tarifliche Aufwertung nicht nur im Gehalt, sondern auch in der Eingruppierung und Anerkennung von Leitungs- und Zusatzverantwortung. Karrierewege eröffnen innerhalb der frühen Bildung, z. B. in Fachberatung oder Leitung. Verlässliche Arbeitszeiten und gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen. Entlastung durch den Einsatz multiprofessioneller Teams.
  • Zukunftsfähige Ausbildungswege gestalten: Quereinstiege und modellhafte Sonderwege nehmen zu. Der VBE fordert verbindliche Qualitätsrahmen für Ausbildung, geschützte Lernzeiten sowie eine verlässliche Qualifizierung und Entlastung der Praxiseinleitung.
  • Kita im Einklang mit der Natur: Das Kita-Qualitätsgesetz bietet mit den Handlungsfeldern ‚Verpflegung und Bewegung‘ sowie ‚Sprachbildung‘ zwei Ansatzpunkte, die Naturbildung zu verorten. Dazu gehört auch, mehr Personal dafür fortzubilden und Konzepte für Naturpädagogik zu erstellen und umzusetzen –  den Bedarfe vor Ort entsprechend.
Weitere Infos

Der VBE Baden-Württemberg hat die DKLK-Studie 2025 heute im Medienzentrum des Landtags vorgestellt:

Die Bundesergebnisse der Studie finden Sie bei unserem Bundesverband.