Gemeinsam Grundschule gestalten: Der VBE Grundschulnachmittag

Über 500 Lehrerinnen und Lehrer haben sich an der Postkartenaktion zum VBE-Grundschulnachmittag beteiligt. Gefragt nach den drängendsten Aufgaben im Grundschulbereich nannten die Kolleginnen und Kollegen an erster Stelle die Senkung des Klassenteilers gefolgt von der Senkung des Deputats. Der stellvertretene VBE-Landesvorsitzende Walter Beyer überreichte die gesammelten Postkarten in einem Wäschesack an Staatsekretär Volker Schebesta und empfahl eine aufmerksame Lektüre.  

 

„Dieser Nachmittag heute, der ist für Sie gedacht“, begrüßte der Landesvorsitzende des VBE Baden-Württemberg, Gerhard Brand, die angereisten Grundschulleitungen. Unter dem Motto „Gemeinsam Grundschule Gestalten“ hatte der VBE zum Grundschulnachmittag in die Fellbacher Schwabenlandhalle eingeladen. In seiner Eröffnungsrede ging der Landesvorsitzende auf die bedenkliche Situation im Primarbereich ein: „Jahr für Jahr wird die Lage an den Grundschulen schwieriger. Jahr für Jahr wird es schwieriger, den Pflichtunterricht abzudecken.“

Dabei zog Brand auch einen direkten Vergleich zur Wirtschaft: „An einem gesunden, mittelständischen Unternehmen besteht bis zu 30 Prozent aus unverplanter Zeit. Das ist nötige Zeit, um ein Unternehmen nicht nur zu verwalten, sondern um sich gemeinsam im Team Gedanken über die Entwicklung, die Gestaltung und die Ausrichtung am Markt machen zu können. Sie alle führen so ein kleines Unternehmen. Sie machen sich Gedanken um die Entwicklung der Kinder und um die Gestaltung von Bildung. Und ja, Sie machen sich auch Gedanken um die Ausrichtung am Markt. Was wären Vergleichsarbeiten und die internationale Schulleitungsstudie denn anderes? (…) Und jetzt frage ich Sie, wo sind Ihre 30 Prozent Zeit, um mit Ihrem Team für Gestaltung sorgen zu können?“

Landesvorsitzender kritisiert Schieflage bei Besoldung und Deputat

Die Problemlagen führte der Landesvorsitzende auch aber eben nicht nur auf die Pandemie zurück. „Die Anforderungen, die an das System Grundschule gestellt werden, passen nicht zu der Ausstattung, die diese Schulart vorhalten kann“, erklärte er. Brand verwies unter anderem auf die schon vor der Corona-Pandemie heikle Personalsituation, den eklatanten Mangel in der fachlichen Abdeckung kleiner Fächer, die heterogene Schülerschaft und immer neue Zusatzaufgaben wie etwa die Umsetzung von Inklusion und Ganztag.

An den in der ersten Reihe sitzenden Staatsekretär der Kultusministerin fragte Brand, ob irgendjemand in seinem Haus erklären könne, warum Grundschullehrkräfte schlechter verdienen als die Kolleginnen und Kollegen der weiterführenden Schulen, obwohl sie das höhere Deputat haben. „So macht man einen Beruf nicht attraktiv. Und so gewinnt man nicht die dringend benötigten Lehrkräfte. Ohne mehr Lehrkräfte werden wir diese Schlagzahl aber nicht aufrechterhalten können“, mahnte Brand.

Grundschule in der Schlüsselrolle

In seiner anschließenden Gegenrede betonte Staatsekretär Volker Schebesta zunächst die besondere Schlüsselrolle der Grundschule für die Entwicklung der Kinder. „Die Arbeit in den Grundschulen schafft die Grundlage dafür, wie die Kinder weiter durch ihre Bildungsbiografie kommen. (…) Ein gelungener Start ins Schulleben beeinflusst die Schullaufbahn. Aber er beeinflusst auch, wie es im Leben und im Berufsleben für die jungen Menschen später einmal weitergeht.“ Sodann bekräftige der Staatsekretär, dass in der Pandemie gerade die Grundschule in der gesellschaftlichen Diskussion zusätzlich an Bedeutung gewonnen habe. Dies gelte nicht nur für die Betreuung und fachliche Grundbildung, sondern insbesondere auch für die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder.

Weiter führte Schebesta aus, dass mit der Flüchtlingswelle infolge des russischen Angriffskrieges die nächste große Herausforderung bereits ins Haus stehe. „Wir haben in Baden-Württemberg inzwischen mehr Flüchtlinge aus der Ukraine, wie wir im Jahr 2015 über das ganze Jahre an Asylbewerberinnen und Asylbewerber hatten.“ Dabei seien zehn Prozent der Geflüchteten zwischen sechs und zehn Jahren alt.  Um diesen Zulauf bewältigen zu können, habe das Kultusministerium weitere Vorbereitungsklassen geschaffen und zusätzliche Kräfte angeworben. Der Staatssekretär schwor die Schulleitungen zugleich auf einen dauerhaften Integrationsprozess ein: „Wir alle wissen nicht, ob nicht irgendwann die Perspektive eher die ist, dass die Männer nach dem Krieg zu ihren Familien hierherkommen, als dass die Frauen mit ihren Kindern zurück in die Ukraine gehen.“

Nicht einfacher werde die Situation durch die ohnehin schwierige Versorgungssituation an den Grundschulen. Das Land habe aber reagiert und die Studienkapazitäten von 970 Studienanfängerplätze im Jahr 2015 auf inzwischen 1670 Plätze erhöht. Zusätzlich versuche man verstärkt Lehrkräfte aus der Elternzeit und durch die Erhöhung in der Teilzeit einzusetzen. Zudem setze das Land auf Pensionäre und Gymnasiallehrkräfte, welche an der Grundschule aushelfen sollen.

Sofagespräch mit Sesseln, ein Sack voll Postkarten und ein Krankenhausclown

Im Rahmen eines Sofagesprächs mit dem VBE-Landesvorsitzenden stellte sich der Staatssekretär im Anschluss an seinen Vortrag einer offenen Fragerunde. Infolge der Corona-Schutzmaßnahmen mussten die Beiden dann allerdings doch mit strikt separierten Ledersesseln anstatt eines Sofas vorliebnehmen. Dem Format tat dies keinen Abbruch: Die Schulleitungen stellten den Staatssekretär zahlreiche kritische Nachfragen zum Lehrkräftemangel und anderen Themen und bekamen dabei wortstarke Unterstützung durch den Landesvorsitzenden. Im Nachgang überreichte Walter Beyer, der als Moderator wohltuend locker durch die Fachtagung führte, dem Staatsekretär noch einen proppenvollen Wäschesack. Gefüllt war dieser mit den rund 550 Postkarten, die dem VBE im Vorfeld aus ganz Baden-Württemberg zugeschickt wurden.

Die sehr professionell organisierte Veranstaltung rundete schließlich der kabarettistische Abschlussvortrag von Dr. Roman Szeliga ab. „Lachen ist die wichtigste Ansteckungskrankheit der Welt“ verkündete dieser. Vor 25 Jahren gründete Dr. Szeliga gemeinsam mit einem kleinen Team die ersten CliniClowns in Österreich. Er selbst tourte viele Jahre verkleidet als Clown Dr. Jux durch Spitäler, um kranke Kinder zum Lachen bringen. Seine Botschaft an die stressgeplagten Schulleitungen lautete: Lachen ist die beste Medizin.