„Insgesamt beobachten wir eine beunruhigende Entwicklung: Die Zahl der gewalttätigen Übergriffe auf Lehrkräfte ist seit 2018 deutlich angestiegen und hat sich nun auf einem hohen Niveau eingependelt. Dem Dienstherrn gelingt es weder, Lehrkräfte präventiv zu schützen, noch ihnen angemessen beizustehen, wenn es zu Gewaltvorfällen kommt. Gewalt darf jedoch nicht als Privatproblem der Pädagogen abgetan werden!“, erklärt der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand angesichts aktueller Studienergebnisse.
Im Auftrag des VBE hat das Sozialforschungsinstitut forsa vom 11. September bis 9. Oktober 2024 bundesweit 1.311 Schulleitungen befragt, darunter 252 in Baden-Württemberg. Ein Teil der Fragen wurde bereits in den vorherigen Befragungen aus den Jahren 2018 bis 2022 gestellt, so dass entsprechende Zeitvergleiche möglich sind. Die folgenden Angaben beziehen sich auf die Studienergebnisse für Baden-Württemberg und sind repräsentativ.
Gewalt an der eigenen Schule
Danach gefragt, wie sie ganz allgemein die Entwicklung von Gewalt an der eigenen Schule einschätzen, fallen die Antworten der Schulleitungen deutlich aus: 61 Prozent sagen, dass die Gewalt in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. Lediglich 3 Prozent geben dagegen an, dass die Gewalt abgenommen hat.
Gerhard Brand: „Das soziale Klima ist in den letzten Jahren spürbar rauer geworden, dies spiegelt sich auch in den Schulen wider. Die Daten bestätigen, was wir als VBE in vielen Gesprächen mit Lehrkräften und Schulleitungen tagtäglich erfahren: Das Gefühl, dass das soziale Miteinander aufbricht. Dass die Empathiefähigkeit bei Kindern, Jugendlichen und Eltern nachlässt und Konflikte öfter und schneller eskalieren. Wir beobachten, dass auch der Respekt gegenüber schulischen Autoritäten abnimmt und es regelmäßig zu Grenzüberschreitungen kommt.“
Fokus: Gewalt gegen Lehrkräfte
Die Frage, ob es an ihrer Schule in den letzten fünf Jahren Fälle psychischer Gewalt gab, in denen Lehrkräfte direkt beschimpft, bedroht, gemobbt oder belästigt wurden, bejahen 59 Prozent der befragten Schulleitungen. 2018 lag dieser Wert noch bei 45 Prozent. Auch dieses Jahr zeigt sich, dass die direkte psychische Gewalt öfters von den Eltern ausgeht als von den Schülerinnen und Schülern, wobei beide Gruppen fast gleich oft als Täter in Erscheinung treten.
An jeder dritten Schule (34 %) kam es außerdem zu Vorfällen, bei denen Lehrkräfte auch über das Internet diffamiert, belästigt, bedroht oder genötigt wurden. 2018 lag dieser Wert noch bei 16 Prozent. Hier sind es vor allem die Schülerinnen und Schüler, welche die Anonymität der digitalen Welt nutzen, um gegen Lehrkräfte zu hetzen. Aber auch Eltern werden online zu einem hohen Prozentsatz zu Tätern.
Von Vorfällen, bei denen Lehrkräfte sogar körperlich angegriffen wurden, berichtet jede vierte Schulleitung in Baden-Württemberg (26 %). 2018 lag dieser Wert bei 16 Prozent. In den allermeisten Fällen gingen die körperlichen Attacken von den Schülerinnen und Schülern aus.
Gerhard Brand: „Es ist unerträglich, dass Lehrkräfte bei ihrer Arbeit in diesem hohen Maße zum Opfer von Gewalt werden. In allen drei Dimensionen der Gewalt gegen Lehrkräfte, der körperlichen Gewalt, der psychischen Gewalt und beim Cybermobbing, messen wir aktuell Höchstwerte. Besonders besorgniserregend ist die niedrige Hemmschwelle, Lehrkräfte auch körperlich zu attackieren. Rechnen wir die Prozentangaben auf die Grundgesamtheit hoch, kam es in Baden-Württemberg binnen fünf Jahren an über 1.000 Schulen zu körperlichen Angriffen auf Lehrkräfte. Dies bedeutet, dass an jedem einzelnen Schultag mindestens eine Lehrkraft körperlich angegriffen wird.“
Unterstützung betroffener Lehrkräfte
Gelingt es, von Gewalt betroffene Lehrkräfte ausreichend zu unterstützen und wieder aufzufangen? 2018 bejahten dies noch rund neun von zehn Schulleitungen (85 %). Aktuell sagt dies nur noch jede zweite Schulleitung (53 %). Gleichzeitig hat sich die Zahl der Fälle, bei denen Lehrkräfte nur teilweise oder gar nicht aufgefangen werden können, von 8 Prozent im Jahr 2018 auf jetzt 27 Prozent mehr als verdreifacht. Jede zweite Schulleitung (50 %) nimmt Gewalt gegen Lehrkräfte sogar als ein Tabu-Thema wahr. Auch dieser Wert hat sich im Vergleich zu 2018 (36 %) deutlich verschlechtert.
Gerhard Brand: „Uneinsichtige Täter, kooperationsunwillige Eltern, eine zu hohe Aufgabenfülle sowie bürokratische und aufwendige Strukturen bei der Meldung von Gewaltfällen: Die Gründe für die mangelnde Unterstützung sind vielfältig. Viele Schulleitungen haben auch das Gefühl, dass die Meldung von Gewaltvorfällen seitens der Schulbehörden gar nicht gewünscht ist. Es ist geradezu bezeichnend und gleichermaßen ein Alarmsignal an die Politik, wenn jede zweite Schulleitung von einem Tabu-Thema spricht. Die Fürsorgepflicht des Dienstherrn darf jedoch nicht dort enden, wo es unangenehm wird. Bis heute gibt es bei Gewaltvorfällen gegen Lehrkräfte keine Anzeige von Amts wegen. Stattdessen werden die Lehrkräfte mit dem Problem alleine gelassen und müssen privat Anzeige erstatten. Die Politik darf hier nicht länger Vogel Strauß spielen und den Kopf in den Sand stecken. Sie muss sich dem Thema endlich proaktiv annehmen, betroffenen Lehrkräften die nötige psychologische wie juristische Unterstützung zukommen lassen und vor allem auch die Präventionsarbeit vorantreiben.“
Gewaltprävention
Danach gefragt, welche Präventionsmaßnahmen aus ihrer Sicht am wichtigsten sind, nennen jeweils etwa drei Viertel der Schulleitungen die Kooperation mit staatlichen Institutionen wie z. B. der Polizei (76%), die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams (75 %) und eine angemessene Personalausstattung (71 %). Gerhard Brand: „Gerade der Ausbau der Schulpsychologie und der Schulsozialarbeit wären dringend notwendig, um Kinder und Jugendliche aufzufangen, bevor sie zu Tätern werden, die Förderung sozialer Kompetenzen im Klassen- und Schulgefüge zu stärken und die Elternarbeit zu intensivieren. In beiden Bereichen fehlt es jedoch massiv an Ressourcen.“
Mehrheitlich messen die Schulleitungen außerdem Fortbildungsangeboten zu Prävention und Deeskalation eine besonders wichtige Rolle bei. Gerhard Brand: „Gerade Junglehrkräfte berichten uns, dass sie sich auf diesen Aspekt ihrer Arbeit völlig unzureichend vorbereitet fühlen. Der VBE fordert deshalb, dass der Umgang mit Gewalt in alle drei Phasen der Lehrerbildung, also in Studium, Referendariat, Fortbildung, Eingang finden muss.“
Infolge des Amoklaufs in Winnenden im März 2009 sind in Baden-Württemberg heute neben dem Feueralarm auch Amokalarmsignale an Schulen Pflicht. Dennoch fehlen sie an drei von zehn Schulen (30 %). Brand: „Die Kommunen sind als Schulträger für die Anschaffung und Installation der Alarmsignale zuständig und sparen hier auf Kosten der Sicherheit von Kindern, Jugendlichen und Lehrkräften.“
Forderungen an die Politik
Auf Basis der Ergebnisse der vorliegenden Befragung fordert der VBE:
- Gewalt gegen Lehrkräfte darf kein Tabu-Thema sein. Vorfälle müssen von den Kultusbehörden dokumentiert und Statistiken anonymisiert veröffentlicht werden.
- Eine größere Unterstützung der Schulen durch multiprofessionelle Teams und den flächendeckenden Einsatz psychologisch geschulter Fachkräfte und Schulsozialarbeit.
- Mehr Flexibilität, freie Gestaltungsräume und vor allem mehr Angebote und Zeit für Schule, um Gewaltprävention, Werteerziehung und Medienbildung leisten zu können.
- Das Thema Gewalt muss in allen drei Phasen der Lehrerbildung (Studium, Referendariat, Fortbildung) Eingang finden, damit Lehrkräfte auch in Konfliktsituationen handlungsfähig bleiben.
- Betroffene Lehrkräfte müssen die volle Unterstützung des Dienstherrn erfahren. Dies beinhaltet psychologische Angebote wie auch eine juristische Vertretung.
