Mutationen einer Säule

Das Gymnasium

„Gemeinschaftsschule“ heißt das Zauberwort der derzeitigen Landesregierung seit 2011, und seither erlebt man ein einzigartiges Beispiel von Mutationen politischer Zielsetzungen.

„Unsere bildungspolitischen Ziele lassen sich in der Gemeinschaftsschule für alle Kinder bis Klasse 10 am besten erreichen“ steht im Koalitionsvertrag 2011, und gleich danach erlebte der erstaunte Beobachter, dass alle anderen Schularten weniger galten. Ja, sogar vor dem liebsten Kind baden-württembergischer Bildung, dem unantastbaren Gymnasium, schreckte die Politik nicht zurück. Wenn Gemeinschaftsschule mehr Geld kostet, muss man dies an anderer Stelle einsparen: Also ran das Gymnasium: die Ausbildung nivelliert, Lehrerstellen gestrichen, Klassenteilersenkung verworfen, kein Bugwellenabbau, Altersermäßigung ab 58 gestrichen, und, und und…. Natürlich betreffen diese Einschnitte auch andere Schularten, aber es verwunderte schon, dass sich Grün-Rot auch an das Gymnasium traute. Es kam, wie es kommen musste: dem Aufschrei der Lehrerverbände (die „andere“ Gewerkschaft trug und trägt diese Entwicklung ja gerne mit) folgte vernehmbarer Protest in der Elternschaft, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft. So stark und so schnell, dass Winfried Kretschmann im Sommerinterview 2012 der Stuttgarter Nachrichten den Rückzug antrat. Dort sprach er erstmals von einem 2-Säulen-Modell. Neben dem Gymnasium sollte sich eine zweite Säule etablieren: die Gemeinschaftsschule. Wenig später sagte er mit verblüffender Ehrlichkeit: „Wer in Baden-Württemberg das Gymnasium abschaffen möchte, begeht politischen Selbstmord.“ Na gut, wenigstens der Ministerpräsident scheint noch einen Rest von Sensibilität behalten zu haben, die ihm -wie anderen- allerdings bei den weiteren Schularten fehlt.

Und so wird das Gymnasium (s)einen Stellenwert behalten, auch wenn an seinen Grundfesten mal kräftig gerüttelt worden ist.

Die Realschule

Die Realschule erlebte schlimme Jahre seit 2011. In Konkurrenz zur Gemeinschaftsschule wurde sie mit deutlich weniger Mitteln ausgestattet, bekam schlechtere Startbedingungen, beispielsweise in Form von fehlenden Poolstunden oder von schlechteren Lehrerzuweisungen. Obwohl diese Schulart als Chancengeber für einen guten Berufseinstieg gilt und die Wirtschaft seit Jahrzehnten gerne RS-Absolventen einstellt, war die Abschaffung selbiger (durch „Aufgehen“ in der zweiten Säule) erklärtes Ziel. Das Wort Realschule kam in Stochs Reden so gut wie nicht mehr vor. Ja, er argumentierte sogar stellenweise, dass sich die Realschulen einer Weiterentwicklung verschließen würden. So etwas aber auch! Nicht einmal der Oberste hat mitbekommen, dass an unseren Realschulen etwas geht. Sie mussten sich ja zwangsläufig weiterentwickeln, weil den Kollegien Knüppel zwischen die Beine geworfen wurden, die sie ohne zusätzliche Mittel aus dem Weg räumen sollten: gewollte stärkere Heterogenität durch Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung, Hauptschulabschluss an Realschulen ohne eigenen Bildungsgang und anderes mehr. Es fällt mir dazu als Kommentar nur der Bibelvers aus Lukas 23,34 ein: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Deshalb war die Kampagne für die Realschulen, die der VBE vehement unterstützte („Realschulen stärken!“) nicht nur gerechtfertigt, sondern auch dringend notwendig.

Ende 2014 (immerhin schon) registrierte der Minister eine „Abwehrhaltung“ der Realschulen. Obwohl immer noch nicht mit der konkurrierenden Gemeinschaftsschule gleichbehandelt, werden nun endlich Unterstützungsmaßnahmen eingeläutet, die vermutlich mehr der nahenden Landtagswahl 2016 als der politischen Überzeugung geschuldet sind. Aber das kann zunächst egal sein, besser wäre es umgekehrt.

Aus jeden Fall kann der VBE von sich behaupten, dass sich allmählich seine Überzeugungen auch politisch durchsetzen: Wie der Igel aus dem Märchen „Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“ rufen wir erfreut: „Ick bün al dor!“ („Ich bin schon da!“). Und so freuen wir uns gedämpft über die Zuweisung vermehrter Poolstunden (noch nicht genug!), über die Einsicht, dass individuelle Förderung ohne zusätzliche Finanzen nur unzureichend funktionieren kann und deshalb Differenzierungsmaßnahmen notwendig sind, über ….

Die Gemeinschaftsschule

Wer ein echtes Bild über die derzeitige Herkulesarbeit an Gemeinschaftsschule haben will, darf weder die Politik befragen noch die Schulverwaltung, auch nicht die Schulleitungen dieser Schulen. Ein echtes Stimmungsbild bekommt man nur, wenn man an dieser Schulart unterrichtende Lehrkräfte -möglichst unter vier Augen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit- befragt. Und was man dann zu hören bekommt, ist diametral gegensätzlich zu offiziellen und offiziösen Verlautbarungen. Angefangen bei den Rahmenbedingungen (Lehrerarbeitsplätze, Multifunktionsräume usw.) wie auch von den Lehrerzuweisungen (wer glaubt, dass Gemeinschaftsschulen hier besser behandelt werden, irrt gewaltig). Versuchte Beugungen von rechtlichen Vorgaben, gezieltes Suchen nach Vollzeitmännern unter Ablehnung von Halbdeputatsfrauen, all das und noch mehr ist in meinem Tätigkeitsfeld schon zu verzeichnen gewesen.

Gemeinschaftsschulen, die funktionieren, funktionieren deshalb, weil sich das Kollegium zusammenrauft, „Volldampf voraus“ fährt und persönlichen Interessen wie Gesundheit und Arbeitsschutz keine Priorität einräumt. Auch sie -die GMS- bekommen nicht genügend Unterstützung aus Politik und Schulverwaltung. Auch hier klaffen am Schuljahresanfang (und nicht nur dort!) Versorgungslücken. Gemeinschaftsschulen kämpfen, -wie alle anderen Schularten auch- gegen Unbillen, die hausgemacht der mangelnden Finanzierung geschuldet sind. Der VBE weiß, wie es geht. Unser GMS-Positionspapier siehe: www.vbe-bw.de/standpunkte/ listet auf, was erfolgreiche Gemeinschaftsschulen brauchen. Obwohl dem VBE immer wieder in Neiddebatten abgesprochen wird, für die Gemeinschaftsschulen einzutreten, sehen wir uns auch hier gezwungen, den Igel zu mimen: „Ick bün al dor!“

Die Haupt- und Werkrealschulen

Es ist politisch gewollt, dass die Haupt- und Werkrealschulen aus der Schullandschaft verschwinden: „Die neue Werkrealschule ist als Konzept nicht zukunftsfähig,“ steht im Koalitionsvertrag. Wählerinnen und Wähler haben dies 2011 so gewollt und gewählt, und auch der VBE wird diese Entwicklung nicht verhindern können. Das heißt aber nicht, dass wir dem Treiben tatenlos zusehen. Wir versuchen zu retten, was zu retten ist, denn: es ist augenscheinlich, dass es Schülerinnen und Schüler gibt, denen ein relativ freies Arbeiten à la GMS nicht unbedingt förderlich ist. Sie brauchen die Anleitung und den Schub, die konstante Begleitung der Lehrkraft. Wo bitte wäre dies besser möglich als in den kleinen HS / WRS-Klassen? Engagierte Lehrkräfte, die jetzt um ihren Tätigkeitsplatz fürchten müssen, waren und sind ihnen gute Begleiter/innen. Schade, dass Eltern durch Politik und Medien so eingelullt werden, dass sie die Realität nicht mehr überprüfen, sondern sich ein Trugbild aufschwatzen lassen. Was aber jetzt an oberster Stelle der VBE-Tätigkeiten für diese Lehrkräfte steht: Die Bezahlung nach A 13 muss ab 2016/17 Realität werden. Es kann und darf nicht sein, dass dann ausgerechnet diejenigen, die bisher in Regelschulen am meisten um Erfolge ihrer Schülerinnen und Schüler kämpfen mussten, neben den anderen A13-Lehrkräften der neuen Sekundarstufe I durch Gehaltseinbußen „gewertschätzt“ werden. Der VBE kämpft für eine Höherstufung dieser Lehrkräfte, und am Ende hoffen wir, auch hier rufen zu können: „Ick bün al dor!“

Die Sonderschulen

2011: Von Inklusion und Kostenneutralität war die Rede, von Abschaffung der Sonderschulen. Hirngespinste, die ideologischen Vorstellungen entsprungen sind, sollten auf eine klinisch reine Umsetzung der Inklusion hinarbeiten. Nach wie vor ist klar, dass Baden-Württemberg schon jetzt bessere Inklusionsvoraussetzungen hat, als viele andere europäische Länder. Aber die Politik möchte noch mehr erreichen. Gut! Dennoch sollten die Verantwortlichen nicht nur darauf schielen, was in klugen Papieren steht, sondern was den betroffenen Menschen tatsächlich nützt.

Der VBE hat sich von vorneherein für die Beibehaltung der Sonderschulen als Angebot ausgesprochen (Ziel inzwischen erreicht!), ebenso hat er angemahnt, dass Inklusion durch Kostenneutralität nicht machbar ist. Auch hier ist die Politik der Argumentation gefolgt. Fazit für den VBE: „Ick bün al dor!“

Die zweite Säule oder: Mutationen

Nein. Ich habe die Thematik dieses Stichwortes nicht vergessen, aber zum Verstehen ist es wichtig zu wissen, was sich in der zweiten Säule tut: für Grün-Rot war es 2011 erklärtes Ziel, die Gemeinschaftsschule flächendeckend durchzusetzen. Aus einer schlanken Säule wurden 2012 schnell zwei Säulen: neben dem Gymnasium sollte die Gemeinschaftsschule als zweite Säule eingerichtet werden. nachdem die Realschulen nach der abwartenden Anfangsstarre 2014 erwacht und aktiv sind, sah sich die Regierung gezwungen, auch hier nachzusteuern. Sie scheint, in einer Umdenkphase zu sein. In der zweiten Säule tummeln sich inzwischen außer den avisierten Gemeinschaftsschulen auch die Realschulen, die verbliebenen Haupt- und Werkrealschulen. Die Inklusion feiert in allen Schularten fröhliche Urständ und deshalb gehören die Sonderschulen auch noch in diese Säule.

Die Initiative „Länger gemeinsam lernen“ hat 2012 noch postuliert: „Weitere Schularten, d.h. eine weitere äußere Differenzierung in Haupt-, Werkreal- und Realschulen ist nicht vorgesehen“.

Was aber macht eine erfolgreiche Politik aus? Man nimmt die unangenehm entstandenen Tatsachen auf, formuliert die Ziele um und schreibt sie auf die eigenen Fahnen.

Ist in der Landtagsdrucksache 15/5644 vom Sommer 2014 noch zu lesen: „Der Weg in Richtung eines weniger gegliederten, stärker integrativen Schulsystems ist nicht nur aus pädagogischer Sicht sinnvoll, sondern auch aus strukturellen Gründen erforderlich. Die Landesregierung strebt daher im Bereich der allgemein bildenden Schulen mittelfristig ein Zwei-Säulen-System an. Innerhalb der zweiten Säule werden sich die Realschulen entsprechend weiterentwickeln.“, so spricht man heute hinter vorgehaltener Hand bereits davon, dass die zweite Säule aus Schularten (!!) bestehe, in den teilweise Differenzierung stattfindet. Als Politiker würde ich jetzt sagen: „Das ist genau das, was wir von vorneherein angestrebt haben. Es macht ja politisch kaum einen Unterschied, ob ich zuerst eine (eine!) Säule anstrebe und am Schluss zwei Säulen habe, wobei sich in der zweiten Säule plötzlich eine Schulart mehr statt drei weniger tummeln.

Als VBE-ler fühle ich mich da deutlich wohler. Unsere Verbandspolitik hat Visionen, aber die Realitäten verlieren wir bei unseren Forderungen nicht aus den Augen. Das unterscheidet uns. Und wenn dann die zweite Säule eines Tages ihre Entwicklung abgeschlossen hat, denn werde ich der erste sein, der für den VBE ruft: „Ick bün al dor!“

Im Übrigen dürfen wir auch für die Sekundarstufe I nicht vergessen, dass diese grün-rote Bildungspolitik die Privatschulen weiter füllt. Jeder elfte Schüler in Baden-Württemberg besucht bereits eine selbige. Und das Interesse daran steigt und steigt und steigt….Wen wundert’s?

Der Autor Josef Klein Vorstandsmitglied im VBE-Landesverband
Baden-Württemberg und Vorsitzender des VBE Landesbezirks Südbaden

 

 

 

 

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