VBE zur Forderung, Schulnoten vollständig abzuschaffen: Auch Textbausteine können weh tun – Leistung ist nichts Verwerfliches

Stuttgart. Eine Bewertung von Schülerleistungen könne trotz allen Ringens des Lehrers um Objektivität nie der ganzen Schülerpersönlichkeit gerecht werden – ganz gleich, ob dies wie üblich durch eine reine Ziffernnote oder als ausführliche verbale Beurtei­lung geschehe, sagt der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg. Leistungsdruck könne auf Schüler mit und ohne Noten aus­geübt werden – sowohl von Elternseite und von Lehrern als auch vom Schüler sel­ber. Wobei Leistung an sich überhaupt nichts Verwerfliches sei, so der Sprecher.

Eine Zeugnisnote setzt sich meist aus verschiedenen Teilbereichen zusammen, die be­son­ders im Fach Deutsch auf vielen Einzelzensuren basiert. Vor über vierzig Jahren gab es im Zeugnis in Deutsch noch fünf (!) einzeln ausgewiesene Noten für Lesen, Aufsatz, Sprachkunde, Rechtschreiben und Schrift; in Mathematik zwei für Rechnen und Raum­lehre.

„Die Bewertung schulischer Leistungen ist nie eine rein arithmetische, sondern immer auch eine pädagogische“, versichert der VBE-Sprecher. Lehrer machten es sich bei der Notenfindung nicht einfach. Sie berücksichtigten auch individuelle Lernfortschritte der Schüler. Es sei in der Tat wirklichkeitsfremd, in der Schule alle Leistungen über einen Kamm scheren zu wollen, ganz gleich, ob bei den Zensuren, bei Schulberichten oder bei der Anwendung von Kompetenzrastern. Auch die „Gauß`sche Normalverteilungskurve“ sei schon lange nicht mehr das Maß aller Dinge und keine Richtschnur für die Leistungsbewertung.

Trotzdem sind im Sinne einer bestimmten Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit der Bildungsangebote und Leistungsanforderungen Ziffernnoten in einem gewissen Rah­men aussagekräftig und notwendig. Und auch bei verbalen Beurteilungen gibt es längst standardisierte Vorformulierungen. Selbst positiv formulierte Textbausteine weisen auf Defizite des Schülers hin oder – beschönigend ausgedrückt – auf Lernentwicklungsfel­der, und das kann zuweilen auch in der Seele weh tun, gehört aber zum Leben dazu.

Der VBE-Sprecher unterstreicht, dass Zeugnisnoten niemals ein vertrauensvolles Ge­spräch zwischen Lehrern und Eltern und gegebenenfalls auch mit dem Kind oder Ju­gendlichen über den Leistungsstand der Schülerpersönlichkeit ersetzen können.

VBE: Wieder mehr Wert auf einen guten Umgangston legen

Nicht jeder zweite Satz muss mit „Scheiße“ oder „Ey, Alder“ enden

 

Stuttgart. Mit Blick auf die erschreckende Zunahme von Wortverstümmelungen im Alltag, auf die sich explosionsartig ausbreitende Fäkal-, Kiez- und Gossensprache und aggressive Verbalattacken schon bei kleinen Missstimmigkeiten regt der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg an, im Elternhaus und in der Schule verstärkt wieder Wert auf einen guten Umgangston zu legen und den Umgang mit der Sprache bewusst zu pflegen.

Es gehe nicht darum, Kindern und Jugendlichen ihren eigenen Jargon auszureden, mit dem sie sich bewusst oder unbewusst von den Erwachsenen abgrenzen wollen. Es müs­se jedoch nicht jeder zweite deutsche Kurzsatz mit „Scheiße“ oder „Ey, Alder“ enden oder beginnen, stellt der VBE-Pressesprecher leicht resigniert fest.

Wenn ein schnoddriger, beleidigender Umgangston Standard in der Gesellschaft werde, gebe es bald keine situationsbezogene Sprachdifferenzierung mehr, befürchtet der VBE. Dann spricht der Schüler den Arzt genauso an wie seinen Klassenkameraden. Dann redet man mit dem besten Schulfreund so, wie der Schurke den Helden im Spielfilm beschimpft oder so, wie in den täglichen Talk- oder Gerichtsshows des Privatfernsehens Menschen mit Worten fertig gemacht werden. Zusätzlich droht die Gefahr, dass sich der Wortschatz des Schülers reduziert auf ein SMS-taugliches, an WhatsApp-Nachrichten angepasstes Minimalrepertoire von Begrifflichkeiten und Ab­kürzungen. Schließlich geht die bunte Vielfalt der Sprache mit all ihren Facetten immer mehr verloren, die Sprache verarmt und verliert an Lebendigkeit. Mittlerweile wird der Jugendjargon in Filmen bereits satirisch verwendet und mutiert so wiederum beinahe schon zu einer „Kunstform“.

Aber auch Höflichkeit unter Schülern und gutes Benehmen können „voll cool“ sein, behauptet der VBE-Sprecher. Man müsse möglichst schnell wieder weg von dem dis­tanzlosen, meist entwürdigenden „Gassenjargon“ – hin zu einer „gepflegten Umgangs­sprache“. Dabei können und müssen Eltern, Erzieherinnen und Lehrer möglichst früh in erheblichem Maße behutsam Hilfestellung geben und vor allem Vorbild sein, sagt der VBE-Sprecher und fordert zu einem achtsameren Umgang mit der Sprache auf. Im Zeit­alter der Massenmedien sei das keine leichte Aufgabe, aber eine Herausforderung, für die es sich lohne, sich mit Ausdauer und Hartnäckigkeit einzusetzen.

September 2016

VBE zum Schulanfang: Eltern sind für den Schulerfolg mitverantwortlich – Nicht alles auf die Lehrer abschieben

 

Stuttgart. Am Montag fängt nach über sechs Wochen Ferien die Schule wieder an – für man­che zum ersten Mal. „Es ist nicht damit getan, die Kinder in der Obhut der Schule zu wissen und darauf zu vertrauen, dass die Lehrer alles schon irgendwie richten werden“, sagt der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg, Gerhard Brand. Eltern und Lehrer sollten Partner sein und sich gemeinsam zum Wohl des Kindes um dessen Bildung und Erziehung bemü­hen. Auch beim Besuch von Ganztagesschulen bleiben die Eltern nicht außen vor.

Alle Schüler sind auf dauerhaftes Interesse an ihrer Person und ihrer Arbeit angewiesen. Die entscheidenden Grundlagen für eine erfolgreiche Bildungslaufbahn werden aber nicht erst im Kindergarten oder in der Grundschule gelegt, sondern unmittelbar nach der Geburt des Kindes, daheim in der Familie. Eine positive Einstellung der Eltern zum Le­ben, zum Lernen und zu den Bildungseinrichtungen sowie eine verlässliche, behutsame Begleitung verstärken die Motivation der Kinder und deren Bereitschaft, etwas zu ler­nen.

Das tägliche Interesse der Eltern an den Lernfortschritten ihrer Kinder sowie die Wür­digung ordentlich gemachter Schul- und Hausaufgaben – auch beim Besuch von Ganzta­gesschulen – geben nicht nur Erstklässlern das Gefühl für die Wichtigkeit und Wertig­keit ihrer Arbeit. Der VBE-Vorsitzende rät Eltern, sich intensiv für das Tun ihrer Söhne und Töchter zu interessieren, sich regelmäßig Zeit für sie zu nehmen, die Kinder aber trotzdem nicht in Watte zu packen. Der Verbandschef wörtlich: „Hören Sie Ihren Kin­dern zu, sprechen Sie mit ihnen; fragen Sie nach. Nehmen Sie teil am Leben Ihres Kin­des und suchen Sie bei Problemen zusammen nach Auswegen. Versuchen Sie, wann immer es geht, Mahlzeiten gemeinsam einzunehmen. Spielen Sie mit ihren Kindern und lesen Sie ihnen häufig vor. Vorlesen schafft nicht nur körperliche Nähe, sondern moti­viert Kinder, selbst ein Buch in die Hand zu nehmen und darin zu schmökern. Aber hü­ten Sie sich davor, ihre Kinder ständig überzubehüten.“

Der VBE appelliert an die Eltern, die Schüler nicht generell mit dem Auto bis vor die Klassenzimmertür zu fahren, sondern Kindern Eigenverantwortung zu übertragen.

Schüler entwickeln sich vor allem dann positiv, wenn sie Zuwendung, Aufmerksam­keit und Anerkennung erfahren, Ermutigung statt Entmutigung, Geduld statt Ungeduld. „Das sollten Elternhaus und Schule gerade in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs in be­sonderem Maße beherzigen“, rät der VBE-Chef anlässlich des morgigen Schulbeginns.

September 2016

VBE zur Forderung schweizerischer Schulleiter, Hausaufgaben abzuschaffen: Schülern Mut zu selbstständiger Arbeit machen – zu Hause und in der Schule

Wenn Schweizer Schulleiter jetzt die Hausaufgaben abschaffen wollen, weil Schü­ler aus sozial benachteiligten Familien daheim keine Unterstützung erführen, ist das zwar nett gemeint, bedeutete jedoch im Umkehrschluss, so der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), dass alle Schüler, denen Hausaufgaben gut täten, aus Solidarität auf eigenständiges Arbeiten daheim verzichten sollten. Ganztagesschulen integrierten die Hausaufgaben bereits in den Unterrichtsalltag. Solange die aber nicht flächendeckend eingeführt seien, könne mit Rücksicht auf Schüler, die weiterkommen wollen, nicht auf Hausaufgaben verzichtet werden.

Sicher liege in den Schulen einiges im Argen, räumt der VBE-Sprecher ein; sei es, dass viel zu wenig Stütz- und Fördermaßnahmen angeboten werden, dass die Klassen zu voll, die Fachräume zu schlecht ausgestattet sind. Sicher gebe es auch den einen oder anderen Lehrer, bei dem der Funke der Begeisterung für das Unterrichtsfach nicht so ohne weiteres auf die Schüler überspringe. Es sei aber verkehrt, den Schülern jetzt jede häusliche Schularbeit abnehmen zu wollen, bloß weil manche Familien damit nicht klar kämen.

Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass, wenn die Hausaufgaben ganz abgeschafft bezie­hungsweise in die Schule verlagert werden würden, alles ohne Probleme geht. Lernen macht nicht immer nur Spaß. Lernen heißt auch: Zeit aufwenden für etwas, das Mühe bereitet. Es ist erschreckend, wie viele Schüler täglich – selbst an Gymnasien – ohne Hausaufgaben und die notwendigen Unterrichtsmaterialien zur Schule kommen – auch aus sogenannten besseren Familien. Es ist traurig, wie etliche Schüler wenig Interesse an schulischen Inhalten zeigen, wie sich viele weigern, eine schlechte Note etwa durch ein zusätzlich erarbeitetes Referat auszubügeln. „Man führt die Pferde ja gerne zur Tränke, aber saufen müssten sie schon alleine“, merkt der VBE-Sprecher ein wenig sarkastisch an, zumal in Baden-Württemberg das individuelle Lernen einen sehr hohen Stellenwert erhalten habe. Jetzt noch Hausaufgaben abzuschaffen, wäre ein falsches Signal, denn individuell lernen könne der Schüler in der Schule und daheim.

Deshalb sei es wichtig, die Eigenverantwortung der Schüler schon in der Grundschule zu stärken und sie zu ermuntern, sich den Lernstoff immer wieder selbstständig zu erar­beiten. „Eltern sollten sich deshalb bei den Hausaufgaben der Schüler zurückhalten und diese nicht etwa zu ihrer Sache machen“, empfiehlt der VBE-Sprecher.

VBE: Zum Neusser-Urteil gegen einen Lehrer wegen „Freiheitsberaubung“

Werden Pädagogen bei der Erziehung immer mehr zu zahnlosen Tigern gemacht?

 

Stuttgart. Lehrer haben nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen Erziehungsauftrag. Einerseits laden immer mehr Eltern immer mehr ihre eigenen (Erziehungs-)Auf­gaben auf die Schultern der Lehrer, andererseits werden den Pädagogen juristisch immer mehr die Hände gebunden, Erziehungsmaßnahmen auch durchzuführen, sagt der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württem­berg. „Im Prinzip sollen Lehrer alles richten, was in der Gesellschaft schiefläuft, gleichzeitig macht man sie aber zu zahnlosen Tigern“, moniert der Sprecher.

Natürlich sei es optimal, wenn Schüler schon allein aufgrund der Fächerinhalte mit Feuereifer im Unterricht bei der Sache seien, sagt der VBE-Sprecher. „Im günstigsten Fall stimmt auch die Chemie zwischen Schülern und Lehrern, und die Pädagogen ver­stehen es, die ihnen vom Schulgesetz her anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu be­geistern.“ Aber immer mehr treten heute Erziehungsdefizite zu Tage, stören Schüler sich und andere, zeigen wenig oder gar kein Interesse an schulischen Inhalten. Wenn Lehrer dann nicht tätig werden dürfen, weil von Eltern angerufene Gerichte Strafarbei­ten, Nachsitzen oder gar einen Unterrichtsausschluss für unzulässige Erziehungsmaß­nahmen halten, werden den Lehrern die letzten Sanktionsmittel aus der Hand genom­men. Was für Möglichkeiten bleiben den Pädagogen denn noch, wenn alles Reden nichts hilft und die Eltern bei der Erziehungsaufgabe mit der Schule nicht zusammen­arbeiten wollen? Der Lehrer kann dem Schüler nicht mit Taschengeldentzug oder Fern­sehverbot drohen!

Kein vernünftig denkender Mensch wünscht sich den Rohrstock und die Prügelstrafe an die Schulen zurück. Jeder Pädagoge weiß, dass man mit Zuckerbrot mehr erreicht als mit der Peitsche. Aber wenn alles Reden nichts nützt, müssen Konsequenzen folgen, die dem Schüler zeigen, dass er Grenzen überschritten hat. Wenn ein Lehrer darauf besteht, dass die Arbeit zu Ende gebracht wird, sollte das vom Gericht nicht als Freiheitsberau­bung geahndet werden. Wenn ein Schüler in diesem Fall über das Handy, deren Benut­zung laut Schulordnung in der Regel sowie untersagt ist, die Polizei zu Hilfe ruft, zeigt das, dass die Gesellschaft versagt hat. Ein Richter kann nur im Rahmen der bestehenden Gesetze Recht sprechen, aber auch ein Lehrer darf sich an den schulgesetzlichen Rah­men halten und der sieht im Paragraf 90 unter anderen Erziehungs- und Ordnungsmaß­nahmen auch ausdrücklich das Nachsitzen vor. Dass dabei die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt bleiben sollte, dürfte selbstverständlich sein, so der VBE-Sprecher.

25.08.16

Von der Sütterlin-Schrift über die Druckschrift zur Tastatur

Der VBE ist skeptisch: Tendenzen zur Abschaffung der Schreib­schrift sind für die Entwicklung der Schüler nicht förderlich

Michael Gomolzig, VBE Pressesprecher

Michael Gomolzig, VBE Pressesprecher

Stuttgart. In Finnland, so wird berichtet, sollen sich die Schulen – wie in den USA – von der Schreibschrift abwenden und künftig das mechanische Tastaturschreiben präferie­ren. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg warnt da­vor, bewährte Kulturtechniken sukzessive abzuschaffen, um Schülern vermeintlich etwas Gutes zu tun und das Leben zu erleichtern.

Aus der prägnanten Sütterlinschrift wurde die „Deutsche Volksschrift“. Nach dem zwei­ten Weltkrieg mussten Schüler neben den Druckbuchstaben die „Lateinische Ausgangs­schrift“ schreiben, deren Rundungen und Schnörkel manchem Pädagogen später ein Dorn im Auge waren. Das „Schönschreiben“ als eigenständiges Unterrichtsfach in Deutsch war schon lange abgeschafft, da durften Schulen ab den Neunziger Jahren auch die „Vereinfachte Ausgangsschrift“ verwenden.

Weil angeblich ein Drittel der Jungen und zehn Prozent der Mädchen am Ende der Grundschulzeit eine unleserliche Handschrift hatten, erprobte man in Baden-Württem­berg ab dem Schuljahr 2011/2012 an 16 Schulen die Grundschrift, eine Art Druck­schrift, deren Buchstaben sich gelegentlich berührten, und wandte sich damit von einer verbundenen Schreibschrift ab. Als neueste Mode soll die Tastatur das handwerkliche Schreiben ersetzen. „Die Einübung einer verbundenen Handschrift in der Grundschule darf auf keinen Fall zur Disposition gestellt werden“, mahnt der VBE-Sprecher. Die geschickte Bedienung der Tastatur eines Handys, Tablets oder Computers könne nicht das Erlernen einer Schreibschrift ersetzen, die sich im Laufe der Jahre zu einer indivi­duellen Handschrift entwickelt. Ein Bleistift oder ein Schulfüller funktionierten ohne Strom und Akku und seien überall einsetzbar. Es gehe nicht nur um die Bewahrung des Kulturgutes Handschrift, sondern vielmehr um die Entwicklung der motorischen und geistigen Fähigkeiten der Schüler. Mit der Begründung, dass es die Kinder mit der Tas­tatur einfacher hätten, könnte man auch das Kopfrechnen abschaffen, denn auch das leistet ein Taschenrechner zunächst schneller und zuverlässiger. Schule müsse jedem Kind die Chance und die nötige Zeit geben, eine Handschrift zu erlernen. „Das erfordert mitunter Fleiß, strengt an und macht nicht immer nur Spaß“, so der VBE-Sprecher, „vermittelt aber, wenn der Schüler es geschafft hat, ein lebenslanges Erfolgserlebnis.“

VBE: „Ohne gute Grundschulen keine Elite-Universitäten“

Trotzdem wird diese Schulart zurzeit ziemlich vernachlässigt

Michael Gomolzig, VBE Pressesprecher

Michael Gomolzig, VBE Pressesprecher

Stuttgart. Der gewerkschaftliche Berufsverband Bildung und Erziehung (VBE) macht sich für eine Aufwertung der Grundschularbeit stark. Rund 2500 gibt es davon in Baden-Württemberg, mehr als von jeder anderen Schulart. Trotzdem bleibt diese wertvolle Schulart ständig im Schlagschatten der anderen, die permanent in den Schlagzeilen der Presse stehen. Um die Grundschulen kümmert man sich nicht.

Der VBE setzt sich mit Vehemenz für die schon lange überfällige Aufwertung der Grundschularbeit ein, denn „das Fundament sei nicht nur beim Hausbau von größter Bedeutung“, so der VBE-Sprecher. Ohne hervorragende Grundschulen erübrigten sich auch Hochbegabtengymnasien und Elite-Universitäten.

Der VBE sieht in der Grundschule ein echtes Erfolgsmodell. Die Grundschule als Schule für alle setzt den pädagogischen Auftrag um, jedes Kind in seiner Einzigartig­keit professionell zu fördern und entsprechend zu fordern. Dabei bereitet der Klassen­teiler von 28 Kindern vielen Grundschullehrern Sorge, da er eine noch intensivere Förderung und ein noch größeres individuelles Eingehen auf den jeweiligen Schüler er­schwert und die höchstmögliche zeitliche Zuwendung des Lehrers zu stark beschränkt. „25 Schüler pro Klasse wären immer noch mehr als genug“, so der Sprecher.

Über die notwendige Höhe zusätzlicher Differenzierungsstunden für Gymnasien, Ge­meinschaftsschulen, Realschulen und Hauptschulen wird öffentlich gestritten. Die Grundschulen haben aber gar keine. Die meisten Grundschulen vermissen zusätzliche Förderstunden für Kinder mit Rechenschwäche, mit Lese- und Rechtschreibschwierig­keiten, hätten gerne pädagogisch wertvolle Arbeitsgemeinschaften wie Schulchor und Theater-AG. Krippenspiele müssten im regulären Unterricht mit allen eingeübt wer­den, weil es Zusatzangebote für besonders interessierte Schüler schlichtweg nicht mehr gibt.

Obendrein sollen die engagierten Lehrkräfte der Grundschule auch noch bei der Aus­bildungszeit und der Höhe der Besoldung abgehängt werden. Während künftig die Be­soldung der Haupt- und Realschullehrer angeglichen wird, werden Grundschullehrer in der niedrigsten Besoldungstufe geführt, wenn man einmal von den Fachlehrern absieht, die noch darunter liegen. Der VBE setzt sich dafür ein, dass die Grundschullehrkräfte nicht abgekoppelt werden dürfen, nur weil die Zahl der Pädagogen an in dieser Schul­art höher ist als an allen anderen, und dadurch der Haushalt stärker belastet würde.

VBE zum Vorstoß von Horst Seehofer (CSU): Deutschpflicht nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern vor allem auf den politischen Bühnen Viele Menschen verstehen nicht, was Politiker eigentlich sagen wollen

Stuttgart. Der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Würt­temberg versteht es, wenn Horst Seehofer ausländischen Mitbürgern die deutsche Sprache in den eigenen vier Wänden verordnen will, denn das Be­herrschen der Landessprache ist eine wichtige Voraussetzung zur Integrati­on. Die Frage sei jedoch erlaubt, wie man dies überwachen und gegebenen­falls sanktionieren wolle. Gewisse Politiker sollten sich daher vielmehr fra­gen, wie sie sich künftig ausdrücken können, um von der Bevölkerung wirklich verstanden zu werden.

2014 Michael Gomolzig

Michael Gomolzig, VBE Pressesprecher

Der einstmalige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) hatte schon vor etlichen Jahren öffentlich die Deutschpflicht für auslän­dische Schüler auf allen Pausenhöfen gefordert und damit eine heiße Diskus­sionswelle im Ländle losgetreten. Auch der Kerngedanke des Ministerpräsiden­ten des Freistaates Bayern, Horst Seehofer (CSU), zielt darauf ab, die Verstän­digungsprobleme einer multikulturellen Bevölkerung zu minimieren. Eine an sich lobenswerte Sache.

Da man jedoch immer mit gutem Beispiel vorangehen sollte, fordert der VBE-Sprecher all die Politiker auf, die sich seither dadurch auszeichneten, dass kein Bürger verstanden hatte, was sie eigentlich sagen und durchsetzen wollten, sich künftig so auszudrücken, dass man sie zum einen klar versteht und zum anderen bei der nächsten Wahl darauf festnageln kann, was sie bisher in die Wege leiten wollten und doch nicht erreicht haben, weil deren blumige Umschreibungen und wolkige Aussagen das Gehirn mündiger Bürger lediglich umnebeln und verwir­ren sollten, um deren politischen Erfolg in keiner Weise zu gefährden.

„Wer permanent Worthülsen und nichtssagende Sprechblasen in unverbindli­chen Sonntagsreden produziert, möchte wahrscheinlich gar nicht richtig verstan­den werden und läuft dadurch auch nicht Gefahr, beim Wort genommen und daran gemessen zu werden“, mutmaßt der VBE-Sprecher.

VBE: Naturwissenschaften, Technik und Sprachen sind wichtig

Schüler müssen aber auch wieder Muße für die Musen haben

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg warnt davor, die Arbeit der Schulen nur noch unter dem Aspekt der „Verwertbarkeit“ des Gelern­ten für Studium und Arbeitswelt zu sehen. „In den Schulen geht es in erster Linie um eine umfassende nachhaltige Allgemeinbildung der jungen Menschen. Und da gehören die schönen Künste genauso dazu wie die Naturwissenschaften“, mahnt VBE-Landeschef Gerhard Brand an.

VBE Landesvorsitzender Gerhard Brand
Gerhard Brand, VBE Landesvorsitzender

Nicht nur G8-Gymnasiasten leiden unter einem zu großen Arbeitsdruck, auch an ande­ren Schularten haben Schüler gegen die Zeit anzukämpfen. „Schulstrukturdebatten, Bildungsstandards und Vergleichsarbeiten haben zwar ihre Berechtigung; viel wichtiger ist jedoch, in welcher Atmosphäre an den Schulen gelehrt und gelernt werden kann“, sagt Brand. Dabei gehe es nicht um ein „In-Watte-packen“ der Schüler, also um „Ku­schelpädagogik“, sondern um ein positives Lernklima an der Schule, das vom Elternhaus unterstützt werde. Ständiger Druck – verbunden mit Zukunftsängsten – lähme das Den­ken und bremse Leistung aus, denn zum Lernen benötige man Ruhe und Zeit. Zeitdruck in der Schule sei Gift fürs Lernen. “Ein Buch zu lesen, es durchzuarbeiten und sich dar­über auszutauschen, erfordert Zeit, viel Zeit”, so Brand. Man brauche Zeit für Museums- und Konzertbesuche sowie Zeit für eigenständiges künstlerisches Schaffen der Schüler. Der gesamte literarisch-musisch-ästhetische Bereich schreie geradezu nach „Entschleunigung“.

„Wenn pädagogisch wertvolle Schulveranstaltungen wie Klassenfeste, Lerngänge, Musical-Projekte an der Schule, Theater- und Konzertaufführungen nicht mehr als Be­reicherung des Schulalltags, sondern als `Störung´ bei der Hetzjagd nach einer optima­len Beurteilung empfunden werden, spricht das nicht für die Gesellschaft“, kritisiert der VBE-Vorsitzende. Die Wertigkeit der Schule dürfe nicht an abfragbarem Faktenwissen und „pisatauglichen“ Fächern festgemacht werden. Den Wert eines Schülers lediglich über dessen Verwertbarkeit für das Arbeitsleben zu definieren, sei töricht.

Dem VBE sei es ein Anliegen, dass Schüler und Lehrer in der Schule wieder mehr Muße für die Musen haben. So wichtig Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften und Technik auch seien, eine Gesellschaft, die keine Zeit mehr für schöne Künste habe, sei eine arme Gesellschaft, mahnt Brand. Die geplante Auflösung des Fächerverbunds MeNuK (Mensch, Natur und Kultur) in der Grundschule und die Wiedereinführung der Einzelfächer Musik und Kunst seien ein Schritt in die richtige Richtung, so Brand.

Nicht nur Lehrkräfte, auch Kultusbeamte können von der Wirtschaft lernen

Noch gut kann ich mich an eine Forderung unseres Kultusministers aus dem letzen Sommer erinnern, nach der wir Lehrer doch bitte in unserer unterrichtsfreien Zeit Praktika in Unternehmen machen sollen, damit wir – und das war die deutliche Konnotation des Vorschlags – nicht ganz so weltfremd bleiben. Ich habe das damals so verstanden, dass wir als lehrendes Personal doch unbedingt über unseren Tellerrand hinausschauen und von Abläufen aus der Wirtschaft lernen sollen, um unseren (begrenzten) Horizont zu erweitern.

Johannes Knapp, Vorsitzender des VBE-Kreisverbandes Stuttgart
Johannes Knapp, Vorsitzender des VBE-Kreisverbandes Stuttgart

Sie werden sich eventuell fragen, warum ich Ihnen das an dieser Stelle erzähle? Nun ja – hinlänglich ist bekannt, dass das baden-württembergische Bildungssystem vor großen Umbrüchen und Herausforderungen steht. Nicht zuletzt durch den demografischen Wandel und den Wegfall der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung stehen viele Werkrealschulen vor dem unmittelbaren Aus. Viele Werkrealschulkollegen werden bereits im kommenden Schuljahr an einer anderen Schulart unterrichten (müssen) – sei es, dass sie in den Grundschulbereich wechseln, an eine Realschule oder an eine berufliche Schule oder ein Gymnasium abgeordnet werden. Dieser Schulartenwechsel stellt für die allermeisten Kollegen eine grundlegende berufliche Neuorientierung dar, die auch mit Unsicherheiten verbunden sein kann.

So klappt gute Personalplanung und Entwicklung
Vor diesem Hintergrund habe ich mir die Forderung unseres Kultusministers aus dem letzten Sommer, wonach wir Lehrkräfte uns einiges aus der realen Wirtschaft abschauen können, zu Herzen genommen und mich bei einem Freund, der Personalreferent bei einer renommierten Bank ist, erkundigt, wie denn solche Veränderungsprozesse bei Ihnen ablaufen. Er hat mir also davon berichtet, dass sein Unternehmen grundsätzlich an einer vorausschauenden Personalplanung und Entwicklung interessiert ist, die den Betroffenen ein hohes Maß an Transparenz bietet. In der konkreten Umsetzung sieht das so aus, dass möglichst frühzeitig der Mitarbeiter, der eine veränderte Aufgabe in einem anderen Geschäftsbereich zukünftig erhalten wir, in diesen Prozess mit einbezogen wird. Fester Bestandteil ist ein Entwicklungsgespräch mit der Personalabteilung, in dem gemeinsam mit dem Mitarbeiter ein individueller Fortbildungsplan ausgearbeitet wird, der ihn optimal auf die zukünftige Tätigkeit vorbereitet. Ganz selbstverständlich finden diese Fortbildungsmaßnahmen während der Arbeitszeit statt.

Gelernt habe ich in dem Gespräch mit meinem Freund also Folgendes. Eine sinnvolle Personalplanung und Entwicklung erfordert Voraussicht, Transparenz und – ganz zentral – gezielte aufeinander abgestimmte Fortbildungsmaßnahmen.

Wenn ich nun den Transfer des Gelernten auf unseren schulischen Bereich versuche, komme ich doch sehr ins Stocken. Auf den Bereich Voraussicht und Transparenz möchte ich hier gar nicht eingehen, da ich mich sonst in Rage schreiben würde beim Nachdenken darüber, was in der Vergangenheit hier nicht geklappt hat. Nur so viel – der demografische Wandel steht schon seit Langem fest und um die Folgen des Wegfalls der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung absehen zu können, bedurfte es auch keiner übersinnlichen Fähigkeiten.

Gutes Personal braucht gute Fortbildungen
Ich möchte an dieser Stelle den Blick lieber in die Zukunft richten, als mich über Vergangenes zu ärgern. Mehrfach hat mein Personalreferenten-Freund betont, wie zentral und wichtig eine gute Vorbereitung auf eine künftige Stelle ist. Und die geht nun mal zumeist nur über passende, qualitätsvolle und langfristige Fortbildungsmöglichkeiten.

Im zentralen Fortbildungsverzeichnis des Landes kann ich aber nur ein konkretes Fortbildungsangebot für „Schulartenwechsler“ entdecken: „Von der Werkrealschule an die Grundschule gewechselt – und nun?“ Bei dieser Veranstaltung des Staatlichen Schulamtes Mannheim soll in gut 2,5 Stunden auf diese Frage eine Antwort gefunden werden. Allerdings braucht es für Kollegen, die beispielsweise mehr als 10 Jahre an der Sekundarstufe unterrichtet haben, für den Wechsel an die Grundschule mehr als nur punktuelle Fortbildungen – da bedarf es eines Programms, das psychologisch-pädagogische sowie fachliche Gesichtspunkte der einzelnen Fächer (Didaktik, Bildungsplan, …) der Schulart, an die gewechselt wird, berücksichtigt und – das ist zentral – auf die einzelne Lehrkraft abgestimmt ist sowie als Angebot unterbreitet wird. Denn nicht jeder bringt die gleiche Ausgangssituation mit und benötigt das gleiche Fortbildungspensum. Indes halte ich es für unbedingt geboten, dass unser Arbeitgeber solche Angebote bereithält. Hierbei stellt sich natürlich auch zwingend die Frage, wie die Kollegen während dieser Fortbildungszeit entlastet werden können. Es kann nämlich nicht sein, dass auf das normale Unterrichtspensum ein zusätzliches Fortbildungspensum einfach aufgesetzt wird. Hier braucht es eine klare Regelung, die es den Betroffenen ermöglicht, auch während der Unterrichtszeit diese Fortbildungen zu besuchen. Und wie gesagt, geht es nicht um einzelne Fortbildungsmaßnahmen, die für die allermeisten Lehrkräfte sowieso selbstverständlich sind, sondern um eine kontinuierliche Vorbereitung auf die kommende Aufgabe.

Und wieder fehlt das liebe Geld
Grundsätzlich habe ich mich gefragt, warum es denn solche Fortbildungsangebote (noch) nicht gibt. Und hier kommt wieder mein befreundeter Personaler ins Spiel. Nach seinen Worten sind Fortbildungsprogramme eine sehr kostenintensive Angelegenheit besonders dann, wenn sie individuell geplant und auf den einzelnen zugeschnitten werden. Böse Zungen könnten an dieser Stelle behaupten, dem Land sind seine Lehrer eh schon teuer genug (siehe verzögerte Tariferhöhungen, massive Einsparungen bei Junglehrern, Kürzungen bei der Beihilfe …), dann braucht es nicht noch teure Fortbildung. Aber zurück zu der Forderung unseres Kultusministers, von Wirtschaftsunternehmen zu lernen. Auf meine Frage, warum denn die Bank so viel in die Fort- und Weiterbildung ihres Personals investiere, bekam ich die Antwort: „Gute Vorbereitung auf eine neue Stelle durch Fortbildung steigert die Motivation, Zufriedenheit und Kompetenz unserer Leute. Und gutes Personal bringt richtig Rendite – und das kommt wiederum unserem Unternehmen zu Gute.“

Die Rendite in unserem schulischen Bereich ist eine gute Bildung unserer Schüler/-innen. Wenn ich – in Wirtschaftssprache – diese Rendite steigern will, dann muss ich eben auch in die Fortbildung meines Personals investieren. Und eine solche Personalplanung ließe sich sicher auch von den Führungskräften des Kultusministeriums in einem Praktikum im Personalwesen eines Wirtschaftsunternehmens lernen.