VBE: Wird die neue Gemeinschaftsschule als Bildungseinrichtung für alle zu einer Art Volksgymnasium?

Stuttgart. Vor rund 50 Jahren gingen die meisten Schüler ganz selbstverständlich auf die Volksschule, und keiner fühlte sich benachteiligt oder „selektiert“. Nun soll durch die Gemeinschaftsschule wieder eine Bildungseinrichtung für alle entstehen. „Hat diese Gemeinschaftsschule das Zeug zu einem echten `Volksgymnasium´?“, fragt der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg.

VBE Pressesprecher Michael Gomolzig

Michael Gomolzig, Sprecher des VBE

Landauf, landab werden jetzt Gemeinschaftsschulen eingerichtet, meist weil Städte und Kommunen wegen rückläufiger Schülerzahlen Standortsicherung betreiben wollen. „Die Lehrer an Gemeinschaftsschulen leisten hervorragende Pionierarbeit und verdie­nen Anerkennung und Respekt“, versichert der VBE-Sprecher.

Trotzdem sollte sich jeder Schulträger genau überlegen, ob er wirklich Ja zum päd­agogischen Konzept der Gemeinschaftsschule sagen möchte. Grundlage der „neuen Lernkultur“ dort sind u.a. die „vier pädagogischen Urbitten des Kindes“, wie sie der Schweizer Bildungsunternehmer Peter Fratton formuliert hat: „Bringe mir nichts bei! Erkläre mir nichts! Motiviere mich nicht! Erziehe mich nicht!“ (verkürzte Wiedergabe)

Kritiker sehen in den Gurus der neuen pädagogischen Heilslehre wie Peter Fratton (Schulgründer, Haus des Lernens, Romanshorn), Andreas Müller (Institut Beatenberg, Schweiz), Gerald Hüther (der Lehrer als „Potenzialentwicklungscoach“) und Richard David Precht („Lernfabriken, die Kreativität töten“) eher professionelle Lernverhin­derer und in der neuen Gemeinschaftsschule so eine Art Volksgymnasium. Äußere Differenzierung („Selektion“) und Sitzenbleiben gibt es dort nicht mehr; Noten werden nur noch bei Schulwechsel und im Abschlusszeugnis erteilt. In der Lerngruppe (früher: Klasse) sitzt der Sonderschüler mit Handikap neben dem hochbegabten Gymnasiasten. Der Lernbegleiter (früher: Lehrer) ist keine direkte Bezugspersonen mehr und unter­richtet auch nicht mehr im herkömmlichen Sinn. Schüler „steuern“ sich selbst, lernen „individuell“ und „kooperativ“ mittels Arbeitsblätter, die auf Kompetenzrastern basie­ren, mit Wochenplänen und Computern, an Lerntheken (Stationen) und Lerninseln.

Bei Gymnasien und Realschulen herrscht große Skepsis ob des von Landesregierung und Kultusministerium propagierten künftigen Erfolges der Gemeinschaftsschule. „Wenn Realschulen auch weiterhin an dem bestehenden und allgemein anerkannten Realschulbildungsgang festhalten wollen, muss das nicht der schlechteste Weg sein“, meint VBE-Sprecher Michael Gomolzig.

20. Mai 2013

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