VBE-Stellungnahme zur Gemeinschaftsschule

Teil 1:

Eine neue Schulart in Baden-Württemberg:

Gemeinschaftsschule

(Auszug aus MKS-Papier)

 

Gründe für Gemeinschaftsschulen:

Die grün-rote Landesregierung versteht Bildungspolitik als einen Prozess, der von unten wächst. Dies gilt auch und in besonderem Maße für die Einführung der Gemeinschaftsschule. Es ist uns Ansporn und Verpflichtung, beste Bildungschancen für alle zu schaffen. Kinder und Jugendliche zu fördern, ihre Verschiedenheit als Wert anzuerkennen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Fähigkeiten und Potenziale optimal zu entfalten, sind die Leitgedanken unserer Bildungspolitik. Dazu zählen selbstverständlich auch Kinder mit Behinderungen als Teil unserer Gesellschaft. Wir wollen dabei alle Bildungseinrichtungen unterstützen, sich verstärkt auf die Unterschiedlichkeit der jungen Menschen einzustellen.

Ziele der Gemeinschaftsschule

Durch ein Maximum an individuellem und ein Optimum an gemeinsamem Lernen entwickeln Kinder und Jugendliche Freude am Lernen.

  • Jedes Kind bekommt die bestmögliche Förderung und erreicht den optimalen Schulabschluss. Das gilt auch für Kinder mit Behinderungen.
  • Menschliche Unterschiede werden als Bereicherung erlebt und stärken im schulischen Alltag das Verständnis von Demokratie.
  • Herkunft und Bildungserfolg werden weitgehend entkoppelt.
  • Mit den Eltern wird aktive Erziehungspartnerschaft gelebt.

Pädagogisches Konzept der Gemeinschaftsschule

Die Gemeinschaftsschule ist eine leistungsstarke und sozial gerechte Schule, die sich sowohl am Leistungsprinzip als auch am Prinzip der Chancengleichheit orientiert. Die Gemeinschafts-schule ist eine Schule mit inklusivem Bildungsangebot, in der sowohl Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam lernen und in ihren Begabungen gefördert werden.

Alle Bildungsstandards werden angeboten und die Schülerinnen und Schüler sollen bestmöglich nach ihren individuellen Voraussetzungen, Fähigkeiten und Interessen gefördert werden. Dazu bietet die Gemeinschaftsschule eine anregende Lernumgebung an, in der voneinander und miteinander zielorientiert gelernt wird und wo selbstverantwortlich geforscht, gearbeitet, gespielt, gelacht und gefeiert werden kann. Kurz: Die Gemeinschaftsschule ist ein Lebens- und Erfahrungsraum, in dem sich Persönlichkeiten entwickeln können, die in unserer Gesellschaft ihren Platz finden wollen und können. Schülerzentrierte Lern- und Unterrichtsformen sollen ermöglichen, dass sich ein Maximum an individuellen Lernprozessen mit einem Optimum an gemeinsamem Lernen verbindet. Darüber hinaus findet eine Orientierung an der Berufs- und Lebenswelt statt und der enge Kontakt mit den Eltern wird zum Wohl der Kinder regelmäßig gepflegt

Formen der Gemeinschaftsschule

In der Regel umfasst eine Gemeinschaftsschule die Sekundarstufe I (Klassenstufen 5-10). Wenn die GMS in der Klassenstufe 10 eine genügend große Zahl von Schülerinnen oder Schülern mit Gymnasialniveau hat, kann sie eine Sekundarstufe II (Klassenstufen 11-13) zusätzlich anbieten. Auch die Aufnahme der Primarstufe (Klassenstufen 1-4) in eine Gemeinschaftsschule ist möglich. Insgesamt ergeben sich also vier Modellvarianten:

  • Klassenstufen 1-10
  • Klassenstufen 5-10
  • Klassenstufen 5-13
  • Klassenstufen 1-13

Eine Gemeinschaftsschule ist zumindest in den Klassenstufen 5-10 stets eine Ganztagsschule. Das bedeutet, dass an 3 oder 4 Tagen der Woche ein Ganztagesbetrieb mit rhythmisiertem pädagogischem Angebot gewährleistet sein muss.

Bildungspläne der Gemeinschaftsschule

Die derzeit gültigen Bildungspläne für die allgemein bildenden Schulen Baden-Württembergs stammen aus dem Jahr 2004. Im Rahmen der geplanten Reform der Bildungspläne 2015/16 bildet die Schnittmenge der Bildungspläne Hauptschule/Realschule/Gymnasium einen Basisplan für die Gemeinschaftsschule. Je nachdem, welcher Abschluss in der GMS angestrebt wird, gelten darüber hinaus die Bildungsstandards der entsprechenden Schularten. Die GMS arbeiten zunächst in den Jahrgangsstufen 5 und 6 nach dem Bildungsplan der Realschule 2004.

Lehrkräfte an der Gemeinschaftsschule

Im Endausbau werden an der Gemeinschaftsschule Lehrkräfte aller Schularten unterrichten. Alle Lehrerinnen und Lehrer können in allen Lerngruppen der Sekundarstufe I eingesetzt wer-den. Wenn die Gemeinschaftsschule eine Sekundarstufe II anbietet, unterrichten dort nur Gymnasiallehrerinnen und -lehrer. Die Gemeinschaftsschulen werden neue Stellen grundsätzlich durch schulbezogene Ausschreibungen besetzen

 

 

Schulabschlüsse der Gemeinschaftsschule

Da in den Lerngruppen alle Bildungsstandards angeboten und von unterschiedlichen Schüle-rinnen und Schülern nach ihren Fähigkeiten erreicht werden, sind auch alle Abschlüsse möglich:

  • Hauptschulabschluss nach Klasse 9 oder 10
  • Realschulabschluss nach Klasse 10
  • Abitur nach der Sekundarstufe II entweder an der GMS oder an einem allgemein bildenden Gymnasium

Teil 2:

VBE-Stellungnahme zur Gemeinschaftsschule:

Der VBE anerkennt die Absicht und Ziele der Einführung der Gemeinschaftsschulen als Bereicherung der Bildungslandschaft in Baden-Württemberg. Der VBE ist sich gleichzeitig aber auch bewusst, dass an den meisten Schulen/Schularten in Baden-Württemberg bisher gute Arbeit geleistet wurde und wird. Nationale Vergleiche legen dafür Zeugnis ab.

Der VBE meint dazu:

  • Zu fordern ist zunächst einmal eine klare semantische Trennung in der Begrifflichkeit im Umgang mit der neuen Schulart Gemeinschaftsschule in Abgrenzung zur Einheitsschule, Gesamtschule, Ganztagsschule und weiteren Schularten und –formen. Begriffe aus vorgeprägter politischer oder ideologischer Haltung als Synonyme sollen eher Verwirrung stiften und schaden jeder sachlichen Auseinandersetzung.
  • Eine Schule, in der jeder Schüler ausgehend von den unterschiedlichsten Voraussetzungen nach seinem individuellen Lernkonzept gefördert werden kann ist verantwortlich für ein Lernumfeld, in dem die Schüler ihre Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen können. Da hat sowohl der Hochbegabte als auch das schwache Kind aus sozial schwierigem Umfeld im gemeinsamen Miteinander seinen Platz. Eine solche Schule könnte das Fundament für eine neue Sozialverträglichkeit in unserer Gesellschaft darstellen. Viele Diskriminierungen und Abwertungen im gesellschaftlichen Gefüge, deren Grundlagen bereits im System Schule gelegt werden, könnten damit abgebaut werden! Die Politik muss daher dringend insbesondere die neuen Gemeinschaftsschulen (eigentlich alle Schulen) in die Lage versetzen, dieses auch leisten zu können.
  • Wenn die Gemeinschaftsschule eine überzeugende Schulart werden soll, ist der Start ganz entscheidend. Dort sollten nur solche Schulen zum Zuge kommen, die jetzt schon einen weiten Teil des Weges hinter sich haben. Denn in anderen Schulen sind weder die Lehrkräfte, noch die Eltern, noch die Schulträger ausreichend vorbereitet. Ansonsten wäre die Zielsetzung dieser Schule im Wesentlichen gefährdet.
  • Die Qualität einer Schulart muss von Beginn an überzeugen, will sie eine Zukunft haben. Zwingend notwendige Anforderungen ab sofort:
    • Es muss die Sicherheit der Lehrerversorgung geschaffen werden. Dabei ist sowohl die Anforderung an zusätzlichen Stunden für die Unterrichts/Lernversorgung als auch für die Versorgung der Stunden für den gebundenen Ganztagsbetrieb zu sichern.
    • Über die vordringlich notwendige Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte und des pädagogischen Personals muss der Qualitätsanspruch der Gemeinschaftsschule absolut gesichert sein. Die Gemeinschaftsschule wird zuallererst an ihrer Qualität ihre Existenzberechtigung nachweisen müssen!
    • Die Ausbildung der Lehrkräfte ist längst überfällig. Insbesondere der Umgang mit Heterogenität muss Schwerpunkt werden. Hier führt traditionelles Denken, Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien würden in homogenen Gruppen arbeiten, absolut zum Irrtum und zum Hindernis! In keiner Schulart gibt es heute homogene Gruppen. Neues Denken ist hier angesagt – auch wenn das einige politische Gruppierungen nicht wahrnehmen wollen!
    • Die Kooperation der unterschiedlich beteiligten Schularten muss in eine verständliche und nachvollziehbare Form (z.B. nicht mit ev. „Zwangseinstellungen“ im Gymnasium) gebracht werden.
    • Kooperationsformen mit außerschulischen Partnern müssen dringend neu angedacht werden. Insbesondere der Ganztagsbetrieb fordert, das Leben in die Schule zu bringen. Kinder lernen nach aktuellen Forschungsergebnissen am meisten von konkreten Lebensbezügen (Prof. Hüther). Daher müssen Kontakte nach außen das Schulleben einer Gemeinschaftsschule erweitern. Institutionen und Einrichtungen im Lebenskreis der Schulen sollten selbstverständliche Bestandteile des schulischen Alltags werden. Schüler sollten am Leben lernen!
    • Über Elterninformation sollte die äußere Zustimmung abgesichert werden. Elternschulen/Elternkurse müssen Begleitinstrumente einer Gemeinschaftsschule werden.
    • Bei Schulträgern muss über umfassende Information für Klarheit und Sicherheit gesorgt werden.
  • Der Politik ist die Darstellung bisher nicht gelungen, dass es sich bei Gemeinschaftsschulen um „etwas völlig Neues“ mit einem völlig veränderten pädagogischen Konzept handelt. Ein Vergleich mit den traditionellen Schularten ist da sehr hinderlich! In der Öffentlichkeit ist vielfach der Eindruck entstanden, dass die Gemeinschaftsschule Ersatzschule für „auslaufende“ Hauptschulen oder als Standortsicherung für gefährdete Standorte bestenfalls als die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule gesehen werden kann!

Dadurch ist die Gemeinschaftsschule jetzt schon in ein gefährliches Fahrwasser geraten: Da sich vorwiegend Hauptschulen oder maximal Haupt/Realschulen für das Modell interessieren, ist das Gymnasium im Verständnis der Menschen im Zusammenhang mit Gemeinschaftsschulen nicht vorhanden. Warum sollte da ein Gymnasialschüler auf eine Gemeinschaftsschule wechseln? Ein Stigma scheint vorbereitet, das schwer widerlegbar sein wird! Das Gymnasium muss in einer Gemeinschaftsschule von Anfang an im Boot sein!

  • Neben dem Lehrer als Lernbegleiter (vom Sonderschullehrer bis zum Gymnasiallehrer!) müssen externe Mitarbeiter wie Sozialarbeiter, Logo- und Ergotherapeuten, Heilpädagogen u.a. in das Schulleben einbezogen werden. Gerade durch die Mitarbeit der Sonderpädagogen in den neuen Schulteams würde der Sonderpädagogik eine breitere Bedeutung für alle Kinder/Jugendliche und eine feste Verankerung in dieser Schulart zukommen. Durch inklusives Arbeiten würde die Arbeit dieser neuen Schulart insbesondere aufgewertet.
  • Als sehr problematisch erscheint dem VBE die Vereinigung unterschiedlicher Lehrerqualifikationen in einer neuen Schulart. Lehrkräfte aus Sonderschule, Grundschule, Haupt/ Werkrealschule, Realschule und Gymnasium arbeiten mit unterschiedlichen Arbeitszeiten, unterschiedlichen Ausbildungszeiten und unterschiedlicher Besoldung in einer Schulart! Für den VBE ist damit eine große Baustelle vorprogrammiert!
  • Lerngruppen müssen den traditionellen Klassenverband ersetzen. Sie sind lerntheoretische und soziale Bezugspunkte des Einzelnen. Aber Stammgruppen müssen gerade für schwächere Kinder den notwenigen Halt und die angemessene Geborgenheit bieten. Das erfordert natürlich neben der personellen auch eine sächliche Voraussetzung: räumliche Umgestaltung von Klassenzimmern zu Lernwelten, Schaffung von Lern- und Kommunikationsplätzen und Rückzugsmöglichkeiten für Individualität.
  • Das Problem der wohnortnahen Schule bei rückläufigen Schülerzahlen kann auch durch die Einführung der Gemeinschaftsschule nicht gelöst werden. Es ist an der Zeit, den Schulen und Schulträgern hier „reinen Wein“ einzuschenken und nicht falsche Hoffnungen zu schüren, die nachher zu maßlosen Enttäuschungen führen! Schulschließungen in Flächengebieten werden nicht zu verhindern sein. Hier tut die Wahrheit weh! Politik muss aber zur Wahrheit stehen!
  • Für die Schulträgerschaften ist die Klärung des Umgangs mit der Frage nach der Schulraumsituation und der damit verbundenen Bezuschussung durch die Landesregierung zu klären. Insbesondere sind beim Problem der „Inklusiven Bildung“ viel Fragen offen (Personalsituation, Klassen/Lerngruppengrößen, Behinderten-Ausstattung, Materialausstattung)
  • Zu begrüßen ist, dass Gemeinschaftsschule nur in gebundener Ganztagsschulform stattfinden soll. Denn nur in gebundener Form ist verbindliches individuelles Arbeiten möglich und planbar! Der Lernraum Schule kann nur dadurch zum Lebensraum Schule werden! Dabei ist aber das personelle Problem drückend. Nicht-unterrichtliche Zeiten sollten mit pädagogischem Stammpersonal, das von der Schule auf die Situation vor Ort abgestimmt ausgewählt wird und nicht mit vom Schulträger beschäftigten 400-Euro-Kräften versorgt werden!
  • Integrative Modelle kommen bei der Leistungseinforderung in Erklärungsnot. Es muss jetzt deutlich herausgearbeitet werden, wie die unterschiedlichen  Leistungsniveaus (Sonderschulniveau bis Gymnasialstandard) erreichbar und kompatibel sind.
  • Die Abschlussniveaus der einzelnen Schularten müssen wegen eventuell notwendiger Mobilität der Familien und der gegenseitigen Anerkennung von Abschlüssen gesichert sein.
  • Der Ausbau integrierter und integrierender Lernformen über das traditionelle Schulartenverständnis hinaus in einer Schulart und die damit unweigerlich verbundene neue Organisationsstruktur in der Lehrkräfte aller Schularten arbeiten, eröffnet den Einstieg in die Neugestaltung des überkommenen Dienstrechtes im Lehrerberuf. In der Gemeinschaftsschule sind alle Lehrer im gleichen Boot („Alle Lehrer sind Lehrer“)!  „Alle Lehrer sind heute universitär ausgebildete Expertinnen/en, die lehren, erziehen, beraten, und innovieren“ wie der Deutsche Bildungsrat 1970 zusammengefasst hat. Hier fordert der VBE erneut die Gleichwertigkeit der Lehrämter ein!

Der VBE begrüßt jede Weiterentwicklung unseres Schulwesens, die zur Verbesserung von Bildung und Erziehung unserer Kinder und Jugendlichen beiträgt. Der VBE sieht eine solche Möglichkeit in der Einführung der Gemeinschaftsschule dort gegeben, wo die Gemeinschaftsschule von allen Beteiligten gewollt und akzeptiert ist und die Rahmenbedingungen erfüllt sind. Zukünftigen positiven Ergebnissen steht der VBE offen gegenüber und wird diese Entwicklung unterstützend begleiten.

Er bemängelt Fehlentwicklungen bei der Einführung solcher Schulen wie Zeitmangel, Informationsdefizite, nicht definierbare Rahmenbedingungen, pauschalierende Qualitätsaussagen, „Hoffnungsschinderei“ für geplagte Schulträger, fehlende Bildungspläne, ungeklärte Situation für Unterstützungssysteme (z.B. Päd. Assistenten).

Eine solche Einführung mit gewaltigen handwerklichen Fehlern hat die zu begrüßende Zielsetzung dieser Schulart durchaus nicht verdient!

„Nichts ist so konstant wie die Veränderung – in der Gesellschaft – so auch in der Schule!“

Beschluss Landesvorstand 17.01.2012

Verantwortlich: Otmar Winzer, Stellvertretender VBE-Landesvorsitzender

VBE empfiehlt Wechsel der Sichtweise:

Schulbesuch nicht als lästige Pflicht, sondern wieder als ein Privileg ansehen

Stuttgart. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg empfiehlt einen Paradigmenwechsel in der Einstellung zur Bildung. Der tägliche Schul­besuch sollte von allen Beteiligten nicht als ein notwendiges Übel und lästige Pflicht, sondern als Vorrecht und als eine wertvolle Chance zur Persönlich­keitsentwicklung angesehen werden. Da Unterricht und Schulbücher nicht di­rekt bezahlt werden müssen, wissen viele gar nicht, wie viel Geld die Öffent­liche Hand Jahr für Jahr in Kindertagesstätten und Schulen pumpt, um allen Kindern und Jugendlichen größtmögliche Bildungschancen anzubieten.

VBE Pressesprecher Michael Gomolzig

Michael Gomolzig, Sprecher des VBE

Wenn die Gesellschaft das Bildungssystem ständig in Frage stellt und Lehrern im Allgemeinen nur wenig zutraut, spüren auch die Schüler diese Ablehnung und emp­finden den Schulbesuch immer mehr als Last, denn als Lust. Für ein erfolgreicheres Lernen wäre es förderlicher, wenn es wieder als ein “Privileg“ angesehen werden könnte, in eine öffentliche Schule gehen zu dürfen, versichert der VBE-Sprecher. Es gab Zeiten, da genossen nur Kinder von Privilegierten – von Adligen und Be­güterten – (Haus)Unterricht. Heute, wo es eine allgemeine Schulpflicht gibt und fast alle anfallenden Kosten von der öffentlichen Hand getragen werden, haben Schulen permanent gegen ihr schlechtes Image zu kämpfen, müssen unmotivierte Schüler durch Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen nach Paragraf 90 Schulgesetz, durch Bußgelder oder polizeiliche Zuführung vom Schulschwänzen abgebracht werden.

Werden Eltern wegen des ungebührlichen Verhaltens ihres Kindes im Unterricht zu einem Gespräch in die Schule geladen, sehen Lehrer auf Elternseite nicht etwa Einsicht und das Bemühen, nach gemeinsamen Lösungswegen zu suchen, sondern erfahren meist Attacken und Vorwürfe, dass dem Kind Unrecht widerfahren ist.

Um Kindern und Jugendlichen ein optimales Lernen zu ermöglichen, ist es un­umgänglich, dass Schüler gerne zur Schule gehen und dass in einer entspannten und anregenden Atmosphäre gelehrt und gelernt werden kann. Dabei ist nicht „Ku­schelpädagogik“ angesagt, sondern ein positives und leistungsorientiertes Lern­klima. Unzufriedenheit, Dauerkritik und ständiges Nörgeln sowie permanenter akti­onistischer Reformdruck auf Schulen lähmen das Denken von Schülern und Leh­rern und führen im Endeffekt zu noch schlechteren Ergebnissen. Die Politik hat da­für zu sorgen, dass die Rahmenbedingungen an den Schulen stimmen. Denn auch der ständige Kampf um Ressourcen lenkt von den eigentlichen Aufgaben ab.

14. Januar 2012

VBE: Groll gegen Politiker nicht die Schüler spüren lassen

Auch 2012 mit gewohnter Einsatzfreude zu einem guten Schulklima beitragen

Stuttgart. Nach Auffassung des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg können Pädagogen das neue Jahr auch als Chance sehen, die Schulen positiv voranzubringen. Alle Lehrer sollten sich mit ganzer Kraft am Schulentwicklungsprozess beteiligen und sich nicht aus Groll gegenüber der Politik verweigern. An den Schulen müsse eine positive Aufbruchsstim­mung spürbar werden, selbst wenn die eine oder andere Schule wegen feh­lender Schüler wohl geschlossen werden muss. „Wer nicht mitgestaltet, wird nur noch verwaltet“, so der VBE-Sprecher.

VBE Pressesprecher Michael Gomolzig

Michael Gomolzig, Sprecher des VBE

Der Lehrerverband hat Verständnis, wenn Pädagogen aufgrund der in letzter Zeit gemachten negativen Erfahrungen manchem Politiker gegenüber Groll im Herzen hegen. Die meisten Lehrer ließen sich jedoch schon seither trotz eher ungünstiger Rahmenbedingungen an den Schulen nicht davon abhalten, den Un­terricht nach ihren Möglichkeiten für die Schüler optimal zu gestalten.

Nach Auffassung des VBE wäre es falsch, wenn Pädagogen angesichts des zu­nehmenden Druckes resignierten oder sich wegen der als ungerecht empfunde­nen Sparpläne der neuen Landesregierung frustriert in die Schmollecke zurück­zögen. Professionelle Lehrer lassen ihren berechtigten Ärger nicht die Schüler spüren, sondern engagieren sich gewerkschaftlich. „Sie tragen den Streit mit den politisch Verantwortlichen aus und nicht in die Klassenzimmer hinein“, ver­sichert der VBE-Sprecher.

Immer mehr Lehrer setzen sich als Bildungs- und Erziehungsprofis an die Spitze einer pädagogischen Bewegung und bringen frischen Wind in die Schu­len. Der VBE fordert alle Lehrkräfte auf, sich den neuen Aufgaben zu stellen und im kommenden Jahr das schulische Leben wieder mit allem, was dazuge­hört, pädagogisch zu gestalten.

Der VBE-Sprecher ermuntert die Kollegien: „Lassen Sie sich durch die vielen Großbaustellen nicht abschrecken! Machen Sie das Beste aus den gegenwärtigen Zeiten! Tragen Sie als Fachleute für Bildung und Erziehung mit gewohnter Ein­satzfreude und Ausdauer auch 2012 zu einem guten Klima an den Schulen bei.“

1. Januar 2012

VBE: Gebotene Bildungschancen auch wahrnehmen

Schüler sollten nicht ständig „zum Jagen“ getragen werden müssen

Stuttgart. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg weiß von Lehrern, die die permanenten Appelle, Schülern aus bildungsferneren Fami­lien mehr Bildungschancen in den Schulen zu bieten, kaum noch hören kön­nen. Noch nie seien die vielfältigen Bildungswege so weit offen gewesen wie heute; man müsse diese als Schüler aber auch gehen wollen, ist die Ansicht jener Lehrer, deren Zahl aufgrund negativ gemachter Erfahrungen zunimmt.

VBE Pressesprecher Michael Gomolzig

Michael Gomolzig, Sprecher des VBE

Es gibt kaum noch eine Debatte über Schulstrukturen, ohne dass auf die Benachtei­ligung von Schülern aus bildungsfernen Schichten hingewiesen wird. Das stößt im­mer mehr Lehrern unangenehm auf, die sich um diese Kinder in besonderem Maße bemühen und spüren müssen, dass alle Bemühungen verpuffen, wenn die Bereit­schaft von Schülern, sich beim Lernen selber einzubringen, nicht besonders stark ausgeprägt oder gar nicht vorhanden ist und von der Familie nicht unterstützt wird. „Da nützt es letztendlich auch nicht, nach noch mehr Staat zu verlangen, immer noch mehr Geld der Steuerzahler in die öffentliche Hand zu nehmen“, interpretiert der VBE-Sprecher diese Haltung. Es sei ein Trugschluss zu glauben, dass Bildung für alle immer besser funktioniere, je mehr Mittel in das System gepumpt werden.

 

Lernen macht nicht nur „Spaß“. Lernen bedeutet: eigene Zeit zu investieren, sich einzubringen und anzustrengen. Es ist erschreckend, wie viele Schüler – sogar an Gymnasien – täglich ohne gemachte Hausaufgaben und ohne notwendige Arbeits­materialien zur Schule gehen, wie wenig Interesse sie zeigen, eine danebengegan­gene Klassenarbeit durch ein zusätzliches Referat auszubügeln. Immer öfter höre man, so der VBE-Sprecher, unter der Lehrerschaft die resignierende Aussage: „Man führt die Pferde ja gerne zur Tränke, aber saufen sollten sie schon alleine!“

Während es früher üblich war, bei schulischen Problemen gründliche Gewissens­erforschung zu betreiben, eigene Schwächen oder Nachlässigkeiten aufzuspüren, suchen Schüler heute – und meist auch deren Eltern – Ursachen und Fehler grund­sätzlich bei anderen: bei den unfähigen Lehrern, bei unmöglichen Mitschülern, der schlechten Schule oder eben beim “System“.

Es sei sicher nicht verkehrt, ermuntert der VBE-Sprecher alle, die auf eine Lö­sung “von außen“ warten, wenn “benachteiligte“ Schüler die eigene Anstrengungs­bereitschaft aktivieren und im Unterricht vom “Passiv-Modus“ auf kontinuierliche Mitarbeit, auf Interesse, Engagement, Durchhaltevermögen und Fleiß umschalten.

26. Dezember 2011

Rück-(Rund)schlag vom VBE-Kreisverband:

„Sicher wär`s schön, wenn die Schule um neun beginnen könnte, aber…“

Waiblingen. Bereits vor beinahe sechs Jahren regte der damalige Ministerpräsident Gün­ther Oettinger (CDU) einen späteren Schulbeginn am Morgen an, um Fami­lien ein entspanntes, gemeinsames Frühstücken zu ermöglichen. Schon damals fand der Verband Bildung und Erziehung (VBE), dass der Vorschlag Charme habe; befürchtete aber, dass das vielen Eltern gar nicht ins Konzept passe.

VBE Pressesprecher Michael Gomolzig

Michael Gomolzig, Sprecher des VBE

Der Ministerpräsident regte den späteren Schulbeginn am Morgen mit der Begrün­dung an, dass die Familien so mehr Zeit für ein gemeinsames Frühstück hätten. Nach Kenntnis des VBE kamen bereits damals Schüler immer wieder zu spät zur Schule („Habe verschlafen“) und obendrein meist auch noch ohne Frühstück.

 

Daran hat sich bis heute nicht so viel geändert. Oettinger irrte jedoch, wenn er unterstellte, dass Eltern immer nach ihren Kindern zur Arbeit gehen würden. Es ge­be etliche Schüler, so der VBE-Sprecher, die lange vor dem eigentlichen Unter­richtsbeginn von den Eltern zur Schule geschickt werden, weil diese wegen einer familienunfreundlichen Arbeitszeit nicht mehr auf die Kinder aufpassen können. Selbst wenn der Unterricht erst zur zweiten Stunde beginne, stehen manche Schüler – auch an kalten Wintertagen – schon gegen sieben Uhr vor der Schultür.

Um da Abhilfe zu schaffen, wurde vor einigen Jahren die kostenpflichtige(!) Kernzeitbetreuung an den Schulen eingeführt (die ein Baustein der „Verlässlichen Grundschule“ ist), damit Kinder von Alleinerziehenden oder von Eltern, die beide arbeiten gehen (müssen), vor und nach dem Unterricht eine sichere und warme Bleibe haben. Vielerorts fangen diese Betreuungszeiten bereits um sieben Uhr(!) an – noch deutlich vor Unterrichtsbeginn. Diesen Kindern würde auch ein späterer Schulbeginn keinen längeren Schlaf oder ein gemeinsames Frühstück mit der Fa­milie bescheren. Etliche Schüler müssen morgens allein aufstehen, manche davon noch jüngeren Geschwistern ein Frühstück machen.

Die von Eltern durchgesetzte verlässliche Grundschule, deren Konzept verlangt, dass Unterricht grundsätzlich nicht am Nachmittag erteilt wird, trägt mit dazu bei, dass Schüler durch die Stundentafel stärker unter zeitlichen Druck geraten. Ein „weicherer“ Unterrichtsbeginn – vielleicht sogar mit einem gemeinsamen Frühstück in der Schule – könnte sicher ebenso zu einem entspannteren Arbeiten beitragen wie die Umwandlung des reinen Vormittagsunterrichts in einen Ganztagesschulbetrieb. Denn ein späterer Unterrichtsbeginn heißt im Umkehrschluss auch ein späteres Un­terrichtsende. Erst im Dezember hatte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) Gleitzeit für Schulen angeregt und Skepsis vom Landeselternbeirat (LEB) geerntet.

28.12.11

VBE bedauert anlässlich des Weihnachtsfestes:

Christliche Werte sind eher Luxusgüter als Massenware

Stuttgart. Alle Jahre wieder ist die Adventszeit Hochsaison für Handel und Gewerbe. Den eigentlichen Grundgedanken des Weihnachtsfestes verdrängen dabei selbst viele Gläubige. Das bringe zwar das christliche Abendland nicht un­mittelbar in Gefahr, versichert der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) anlässlich der bevorstehenden Festtage, zeige aber doch, dass christliche Werte heute eher als scheinbar unerreichbare Luxusgüter denn als gängige „Massenware“ angesehen werden.

VBE Pressesprecher Michael Gomolzig

Michael Gomolzig, Sprecher des VBE

Der gewerkschaftliche Berufsverband VBE, der vornehmlich Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschulpädagogen vertritt und aus konfessionell orientierten Leh­rerverbänden hervorgegangen ist, verweist auch in der Präambel seiner Satzung auf den christlichen Glauben und das entsprechende Menschenbild. Es sei be­dauerlich, so der VBE-Sprecher, wenn aus falsch verstandener Weltoffenheit die christlich-abendländische Kultur auf heimischen Boden immer mehr zurückge­drängt, bisweilen sogar verleugnet werden muss und dadurch für die Gesell­schaft stark an Bedeutung verliert.

Es dürfe nicht so weit kommen, warnt der VBE-Sprecher, dass Christen aus Angst vor möglichen Verstößen gegen Gleichheitsgrundsatz und Antidiskrimi­nierungsgesetz ihren Glauben aus lauter „Political Correctness“ immer mehr verstecken und letztendlich sogar die eigene religiöse Identität aufgeben.

Auch ein zusammenwachsendes Europa unterdrückt die spezifischen Eigen­heiten der verschiedenen Regionen nicht, sondern versucht, überlieferte und be­währte kulturelle Besonderheiten zu bewahren und damit die Menschen zu stär­ken. Um wie viel mehr müsse diese Einsicht für den Glaubensbereich gelten, be­hauptet der VBE-Sprecher. Gerade das Weihnachtsfest sollte Anlass sein, wie­der verstärkt christliche Grundwerte wie soziale Verantwortung für alle, Fried­fertigkeit, Nächstenliebe, Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft in den Fokus der Gesellschaft zu rücken – auch und erst recht in den Kindertagesstätten und Schu­len des Landes.

22. Dezember 2011

VBE: „Landesregierung scheint sich selbst überholen zu wollen“

In der Weihnachtszeit bildungspolitisch zur Besinnung kommen

 

Stuttgart. Für Eltern von Viertklässlern laufen zurzeit Informationsveranstaltungen über die Bildungswege in Baden-Württemberg. „Noch nie war es für die Schu­len solch eine Herausforderung, verlässlich, wirklich umfassend und vor allem nachhaltig zu beraten“, moniert der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Gerhard Brand.

 

VBE Landesvorsitzender Gerhard Brand

Gerhard Brand, VBE Landesvorsitzender

Auf früheren Info-Veranstaltungen stellten der Rektor einer Hauptschule, der einer Realschule und der Schulleiter eines Gymnasiums den Eltern die jeweilige Schulart vor. Wegen des Mottos „Kein Abschluss ohne Anschluss“ kam dann noch ein Ver­treter der beruflichen Schulen hinzu. Aktuell müssen die Eltern informiert werden über die Hauptschule mit dem wahlweisen Abschluss in Klasse neun oder künftig auch in zehn, über die neue Werkrealschule mit einem mittleren Abschluss in der zehnten Klasse, über die Realschule, über das Gymnasien in der G8- oder G9-Form, über die Gemeinschaftsschule als gebundene Ganztagesschule mit einem Hauptschul-, Realschul- und gymnasialen Bildungsgang in heterogenen Lerngrup­pen, über die beruflichen Gymnasien, die es neben der bewährten dreijährigen Form jetzt auch als sechsjährige Schulart geben soll, sowie über andere berufliche Schulen.

Da die Grundschulempfehlung künftig zu einer echten Empfehlung wird und kein „Marschbefehl“ mehr ist, wartet man mit Spannung auf die neuen Übergangszah­len. An den Schulen herrscht momentan der Eindruck, dass sich die grün-rote Lan­desregierung in der Bildungspolitik jeden Tag aufs Neue selber überholen will. Ganz besonders über die von ihr favorisierte Gemeinschaftsschule wird noch zu viel im Konjunktiv (in der Möglichkeitsform) und nicht im Indikativ – in der Wirk­lichkeitsform – gesprochen. Gleichzeitig hat man weder den Mut noch das nötige Geld, um dieser Schulart die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Weihnachten, so heißt es, sei die Zeit der Wünsche und der Besinnung. Beim VBE wünscht man sich, dass sich die neue Regierungskoalition darauf besinnt, dass Schule als großer, schwerer Dampfer nicht im Hauruckverfahren hin und her manövriert werden darf. Schulen entwickeln sich nachhaltig am besten langsam weiter. Bei den „Betroffenen“ entsteht zurzeit der Eindruck, dass die neuen poli­tisch Verantwortlichen das atemberaubende Tempo im Bildungsbereich nur deshalb an den Tag legen, damit die erhofften Erfolge noch vor der nächsten Landtagswahl präsentiert werden können.

16.12.2011

VBE widerspricht Landesschülerbeirat:

Lehrer beraten Eltern immer gründlich,

ob die Grundschulempfehlung nun verbindlich ist oder nicht

Stuttgart. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg nimmt die Äußerungen des Landesschülerbeirates mit Verwunderung zu Kennt­nis. Ob die Grundschulempfehlung nun verbindlich oder nicht verbindlich sei, ändere nichts an der Intensität der Beratungsgespräche durch die Leh­rer, versichert VBE-Chef Gerhard Brand.

VBE Landesvorsitzender Gerhard Brand

Gerhard Brand, VBE Landesvorsitzender

Bereits jetzt werden die Eltern seit Beginn der Grundschulzeit ihrer Kinder von den Lehrern mit vielfältigen Informationen versorgt und stets ausführlich und in­tensiv beraten. In Klasse vier drehen sich diese Gesprä­che dann verstärkt über die weitere Schullaufbahn des Kindes. Probleme hat es in der Vergangenheit in der Regel erst dann gegeben, wenn die Vorstellungen des Klassenlehrers und der der Eltern über die weiterführende Schule nicht deckungsgleich waren.

Durch den Wegfall der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung wird der Druck, den Eltern auf die Schule auszuüben versucht haben, deutlich entschärft. Die Lehrer beraten weiterhin optimal, die Eltern müssen danach eine aus ihrer Sicht für das Kind richtige Entscheidung treffen.

Schon früher wählten Schüler mit einer Gymnasialempfehlung den Weg zum Abitur über die Realschule. Probleme wird es künftig vor allem dort geben, wo Eltern für ihr Kind etwas „Höheres“ vorhaben, obwohl die Empfehlung eindeu­tig auf die Hauptschule/Werkrealschule verweist. Auch in den letzten Jahren mussten Kinder mit zum Teil mangelhaften Leistungen in Deutsch und/oder Ma­thematik auf Wunsch der Eltern eine Aufnahmeprüfung ablegen, die sie dann auch nicht bestanden.

„Diesen falschen Ehrgeiz gewisser Eltern werden auch keine noch so guten und intensiven Beratungsgespräche aufweichen können“, versichert VBE-Chef Brand und weist die Kritik des Landesschülerbeirats an unzureichender Beratung durch die Lehrerschaft zurück.

12.12.11

Statt Zuckerbrot die Peitsche

 

Gräben hier, Löcher dort: Der Verband Bildung und Erziehung  (VBE) wundert sich, wo  im Bildungsbereich noch überall Baustellen aufgemacht werden sollen. Gleich in ihrem ersten Amtsjahr  hat die  neue Kultusministerin Gabriele Warminski – Leitheußer (SPD) mehrere Großprojekte in Angriff genommen, die von verschiedenen Abteilungen des Ministeriums begleitet werden.

Kerstin Türk, Junglehrervertreterin im VBE Südwürttemberg

„An den Schulen sollen aber Lehrkräfte, bei denen sich alles zentriert, diese  neuen  Entwicklungen umsetzen“, stellt die Junglehrervertreterin des VBE-Landesbezirks Südwürttemberg, Kerstin Türk (Bad Saulgau) fest.  Ohne entsprechende Fortbildungen und Entlastungen ist dies aber kaum  leistbar, meint die VBE-Vertreterin. Türk: „Und als Krönung der engagierten Arbeit der Lehrkräfte  verschiebt die Landesregierung die im Januar 2012 angestandene  Besoldungserhöhung um mehrere Monate, verschlechtert die Beihilfe  und zieht zugedachte  Entlastungsstunden zurück.  Die Lehrkräfte sind sauer!“

Zeit ist ein wesentlicher Faktor im Bildungsbereich, nicht nur bei Schülern und  der Verarbeitung von Lernstoffen, sondern auch bei einer gewissenhaften  Umsetzung von Neuerungen. Die neue Landesregierung hat sich dabei ehrgeizige Ziele gesteckt: Der Übergang aus Klasse 4 in die weiterführenden Schulen wird neu geregelt, die Gemeinschaftsschule wird eingeführt, die Werkrealschule wird umgekrempelt, im gymnasialen und beruflichen Bereich werden Neuerungen angedacht. All dies zeitgleich in Angriff genommen bringt Unruhe in die Schulen, weil an allen Ecken und Enden der Baustellen Gräben aufgerissen werden. Allerdings hat die Ministerin noch keine Ahnung, wie diese Löcher gestopft werden können. Kerstin Türk: „Während im Kultusministerium die Ideenküche brodelt, machen die Verantwortlichen die Rechnung ohne den Wirt. Nils Schmid (SPD), als Finanzminister oberster Kassenwart des Landes ist nämlich weit davon entfernt, diese neuen Bildungsideen mit einer soliden finanziellen Grundlage zu versehen. Schließlich braucht er einen Teil dieses Geldes um 180 neue Stellen in den Ministerien zu schaffen, damit dort entsprechend grün-rotes Personal untergebracht werden kann.

Es braucht  aber auch motivierte Lehrkräfte, um Reformen an der Basis umzusetzen. Statt diesen ein Zuckerbrot zukommen zu lassen, damit sie voller Freude an die Arbeit gehen können, greifen die GRÜNEN in die Beihilfe ein und die SPD  verschiebt die Gehaltsanpassung.

Bisher war es nicht unsympathisch, wenn Grün-Rot das Wort von der Bildungsgerechtigkeit und Gemeinschaftlichkeit unter gleichen Bedingungen in den Mund nahm. Kerstin Türk: „Zunehmend stellt sich aber heraus, dass es Gleiche und Gleichere gibt. Auch bei den neuen Farbkonstellationen bezahlen die Lehrkräfte die Zeche mit.“

VBE moniert: Schulsekretärinnen sind trotz höherwertigem Anforderungsprofil nur geringerwertig bezahlte Hilfskräfte

Stuttgart. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg sieht in den Schulsekretärinnen von ihrer Eingruppierung her eher unterbezahlte Hilfskräfte, die von ihrem beruflichen Werdegang jedoch meist höher quali­fizierte Fachkräfte sind und in vielen Bereichen wie „Chefsekretärinnen“ selbständig mit großer Verantwortung handeln und organisieren müssen.

VBE Pressesprecher Michael Gomolzig

Michael Gomolzig, Sprecher des VBE

Das Schulsekretariat ist das Kernstück der Schulorganisation vor Ort und zentra­le Anlaufstelle in jeder Schule. Der Schulsekretärin kommt somit eine Schlüs­selfunktion für nahezu alle organisatorischen Abläufe zu. Sie ist Ansprechpart­nerin für Schüler, Eltern und Lehrkräfte, für die Kommune, den Landkreis, die Schulaufsichtsbehörden, für Vereine und Vertreter. Und nicht zuletzt erwarten die Schulleitungen von den Sekretärinnen verlässliche Entlastung für eine Viel­zahl von Verwaltungsaufgaben.

Vom Status, nach der Arbeitsplatzbeschreibung und der Bezahlung seien Schulsekretärinnen lediglich „Hilfskräfte“, von denen jedoch die meisten die Bezeichnung „Sachbearbeiterin“ oder „Verwaltungsfachkraft“, wenn nicht gar „Chefsekretärin“ verdient hätten, behauptet der VBE-Sprecher.

Trotz der persönlich als höchst befriedigend empfundenen Arbeit fühlen sich Schulsekretärinnen nach Informationen des VBE wie „zwischen allen Stühlen sitzend“. Sie, die auf der Gehaltsliste der Rathäuser stehen, werden aufgerieben in dem ständigen Zwist um die Zuständigkeiten und Aufgabenbereiche, die die Kommune bzw. die Stadt als Schulträger aus Kostengründen eingeschränkt se­hen will, und den Arbeitsaufträgen der vom Land bezahlten Schulleitungen und Lehrkräfte, ohne deren korrekte Erledigung Schule nicht richtig funktionieren kann.

Es sei an der Zeit, so der Sprecher des gewerkschaftlichen Berufsverbands VBE, dass die Schulsekretärinnen endlich die Anerkennung und Bezahlung er­hielten, die sie aufgrund ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit eigentlich ver­dienten.

11.12.11